Kinderschutz als Bestandteil einer inklusionspädagogischen Lehrer*innenbildung (Raum 2 - Slot 4)
19.02.2026 , Raum 3 (GW2 B1820)


Abstracts zu den Kurzvorträgen

a) Problemaufriss
Im Jahr 2023 waren 63693 Kinder in Deutschland von Kindeswohlgefährdung in Form von körperlicher, psychischer, sexualisierter Gewalt und/oder Vernachlässigung betroffen (Destatis, 2025). Kindeswohlgefährdung ist definiert als “(...) ein das Wohl und die Rechte eines Kindes beeinträchtigendes Verhalten oder Handeln bzw. ein Unterlassen einer angemessenen Sorge, durch Eltern oder andere Personen in Familien oder Institutionen, das zu nicht-zufälligen Verletzungen, zu körperlichen und seelischen Schädigungen und/oder Entwicklungsbeeinträchtigungen eines Kindes führen kann (...)“ (Kinderschutz-Zentrum Berlin e.V., 2009).
Das gewaltfreie Aufwachsen aller Kinder ist rechtlich begründet (UN-KRK Art. 19; UN-BRK Art. 16), woraus eine Verpflichtung zur Auseinandersetzung mit Kindeswohlgefährdung für Lehrpersonen erwächst.
Dennoch ist Kinderschutz nicht verbindlich im Lehramtsstudium verankert, was fachlich kritisiert (Fiegenbaum, 2019) und momentan in Bezug auf die sächsische Lehrer*innenbildung kontrovers diskutiert wird (Kowalewski, 2025; Heyde, 2025).
Eine kürzlich an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig gegründete AG lotet momentan Interventionsmöglichkeiten bei vermuteten Übergriffen im Praktikum aus. Die Erlangung von Handlungsfähigkeit erfordert aber neben der Kenntnis von Leitfäden auch die Entwicklung einer entsprechenden (inklusiven) Haltung, durch die Reflexion gesellschaftlicher Strukturen, die Übergriffe ermöglichen (Wazlawik/Christmann, 2018).

b) Verknüpfung des Themas Kinderschutz mit inklusionspädagogischer Theorie
Im Vortrag wird gezeigt, wie das Thema Kinderschutz im Rahmen eines Seminars mit Bogers Theorie der trilemmatischen Inklusion verknüpft wurde. Das darin angelegte Verständnis von Inklusion als Anti-Diskriminierung (Boger, 2019) in Verbindung mit der Annahme, dass menschliches Begehren nach Nicht-Diskriminierung dissonant sei (vgl. Boger, 2017), kann Lehramtsstudierende dafür sensibilisieren, dass jede als inklusiv markierte Praxis ein mögliches Begehren nach Nicht-Diskriminierung missachtet und Inklusionspädagogik somit niemals pauschale Lösungen bieten kann. Betroffenenberichte (u.a. Schrörs, 2025) über Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt wurden genutzt, um Begehren nach Nicht-Diskriminierung zu sammeln und im Trilemma einzuordnen. Anschließend wurden anhand von Materialien der Kampagne “Nicht wegschieben!” (BMBFSFJ, 2024) Möglichkeiten des pädagogischen Umgangs mit diesen subjektiven Begehren erörtert. So konnte gelernt werden, dass Kinderschutz sich nicht in der Intervention bei Übergriffen - im Trilemma gesprochen, in einem Agieren zwischen Empowerment und Normalisierung - erschöpft, sondern auch dekonstruktive Perspektiven benötigt, um als inklusionspädagogische Praxis zu gelten. Durch die theoretische Analyse von Betroffenenberichten und bestehendem pädagogischen Material sollte die Reflexions- und Handlungsfähigkeit angehender Inklusionspädagog*innen gestärkt werden. Abschließend wird ein Ausblick auf weitere Vorhaben unserer Forschungsgruppe gegeben.

Wie ist der inhaltliche Status Ihres Beitrags?

Präsentation von Praxisprojekten oder Praxisbeispielen, Präsentation einer Projektidee oder eines Forschungsdesigns (geplante Projekte), Präsentation theoretischer oder konzeptioneller Beiträge, Partizipative und kollaborative Forschungsformate

Abstract Symposium

Wir werden das Thema Kinderschutz als inklusionspädagogisches Thema im Rahmen eines Symposiums diskutieren. Hierzu bewegen wir uns zwischen personen- und strukturbezogenen Inklusionsverständnissen (vgl. Köpfer 2019): Einerseits fokussieren wir i.S. eines weiten Inklusionsbegriffs den Schutz marginalisierter Personen/-gruppen. Andererseits fragen wir aus der Perspektive eines differenztheoretischen Inklusionsverständnisses nach “Differenzherstellung und -bearbeitung (...) in Schule und Unterricht” (ebd., 145), die mit der Bearbeitung von Gewalterfahrungen im schulischen Kontext einhergehen.
In einem eröffnenden Vortrag (20 Min) wird das Thema Kinderschutz fachlich umrissen und die Notwendigkeit seiner Verankerung im Lehramtsstudium sowie damit verbundene Hürden dargestellt. Es wird herausgearbeitet, welche Rollen der explizit empfohlene Einbezug von Betroffenenperspektiven (vgl. Kölch et al. 2021) und Aktivismus dabei spielen.
Danach wird gezeigt (20 Min), wie das Thema Kinderschutz in der Lehre mit inklusionspädagogischer Theorie verbunden wurde. Ein Fokus lag dabei auf dem Raum zwischen subjektivem Begehren von Schülerinnen nach Nicht-Diskriminierung und inklusionsorientierter Praxis, die diesem Begehren nachkommen will. So wird gezeigt, dass pädagogische Praxis in Bezug auf Kinderschutz häufig die Intervention bei Übergriffen fokussiert. Die Frage danach, welche Rolle die Dekonstruktion von Normalität oder Andersheit zudem spielen sollte, wurde im Seminar in Bezug auf das Trilemma der Inklusion (Boger 2019) kontrovers diskutiert.
Im dritten Teil des Symposiums sollen Fragen und Zweifel diskutiert werden, die beim Versuch der Didaktisierung des Themas Kinderschutz aufkamen und sich an den im Call zur Tagung genannten zentralen Fragen orientieren. Die Impulse werden in Form von Kurzdialogen zwischen den Vortragenden gesetzt (10 Min). Unsere Forschungsgruppe vereint dabei Lehrenden-, Studierenden und Betroffenenperspektiven. Es wird deutlich, welchen Widersprüchen die Beteiligten begegnen: 1) Hinsichtlich der Spannung zwischen dem Anspruch an Wissenschaftlichkeit und der Integration aktivistischer Perspektiven ins Lehramtsstudium wird diskutiert, wie der Einbezug des Themas Kinderschutz legitimiert und theoretisch fundiert werden kann. 2) In Bezug auf das Spannungsfeld zwischen Professionalität und politischer Positionierung von Wissenschaftler:innen und Dozierenden werden Widersprüche und Zweifel hinsichtlich eigener Betroffenheit und Aktivismus zur Diskussion gestellt. 3) Das Spannungsfeld zwischen universitärer Lehramtsbildung und schulischer Praxis soll konkret in Bezug auf das Thema Kinderschutz diskutiert werden. Dabei stehen der Umgang der Studierenden mit der ihnen übertragenen Verantwortung sowie deren durch Viktimisierung produzierte essentialistische Vorstellungen von bestimmten Schüler
innen(gruppen) im Fokus.
Nach dem Austausch in Kleingruppen (15 Min) werden die gesammelten Ideen im Plenum diskutiert (15 Min).

Literatur

Boger, M.-A. (2019): Theorien der Inklusion. Die Theorie der trilemmatischen Inklusion zum Mitdenken. edition assemblage.
Köpfer, A. (2019): Rekonstruktion behinderungsbedingter Differenzproduktion in inklusionsorientierten Schulen. In: Budde, J. et al. [Hrsg.]: Inklusionsforschung im Spannungsfeld von Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik. Verlag Barbara Budrich. S. 143–164.
Kölch, M. et al. (2021): EXPERTISE. Partizipation Betroffener in Studien zur Häufigkeit von sexueller Gewalt an Kindern.
Fiegenbaum, D. (2019): Gemeinsame Fortbildungen und Veranstaltungen in der Kooperation von Schule und Jugendhilfe. In: Bathke, S. et al. [Hrsg.]: Praxisbuch Kinderschutz interdisziplinär. Wie die Kooperation von Schule und Jugendhilfe gelingen kann. Springer VS. S. 137-152.
Heyde, L. (2025): Lehrstelle im Lehrplan. Kreuzer 08/25 Kinderschutz in Leipzig. S. 25-26.
Kowalewski, N. (2025): “Kinderschutz wird strukturell nicht mitgedacht”. Kreuzer 08/25 Kinderschutz in Leipzig. 24-25.
Kinderschutz-Zentrum Berlin e.V. (2009): Kindeswohlgefährdung. Erkennen und Helfen.
Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025): Kinderschutz und Kindeswohl.
Wazlawik, M.; Christmann, B. (2018): Professionalisierung und Prävention von sexualisierter Gewalt. In: Retkowski, A. et al. [Hrsg.]: Handbuch. Sexualisierte Gewalt und pädagogische Kontexte. Beltz Juventa. S. 535- 542.
Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): Nicht wegschieben!
Boger, M.-A. (2017): Theorien der Inklusion – eine Übersicht. Zeitschrift für Inklusion, (1).
Boger, M.-A.(2019): Theorien der Inklusion. Die Theorie der trilemmatischen Inklusion zum Mitdenken. edition assemblage.
Schrörs, T. (27.02.2025): Damit Lehrer Anzeichen für Missbrauch erkennen. Frankfurter Allgemeine Zeitung.

beschäftigt im Bereich Allgemeine Sonderpädagogik und Inklusion an der Universität Leipzig
Arbeitsschwerpunkte: Macht(-kritik) in Schule, Einstellungen zu Inklusion in Schule und Gesellschaft, Sonderpädagogik im Verhältnis zu Allgemeiner Pädagogik, Demokratiebildung und Inklusion

Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich Allgemeine Sonderpädagogik und Inklusion der Universität Leipzig
Arbeitsschwerpunkte: Einstellungen zu Inklusion in Schule und Gesellschaft, Sonderpädagogik im Verhältnis zu Allgemeiner Pädagogik, Inklusive Schulentwicklung in Sachsen, Resilienz und Vulnerabilität in der Lehrkräftebildung