19.02.2026 –, Hörsaal "Keksdose"
Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Situation einer nachweislichen Reproduktion sozialer Ungleichheit in der Schule (Budde et al. 2015; El-Mafaalani 2022), die sich in den letzten Jahren noch verschärft zu haben scheint (Forell et al. 2024), und einem historisch bestehenden Passungsproblem zwischen der Institution Schule und ihrer heterogenen Schülerschaft (Freire 1970, Ellinger & Kleinhenz 2021), widmet sich der Vortrag den aus diesem Zusammenhang entstehenden Beziehungsverhältnissen in der Institution. Inklusion zeigt sich aus dieser Perspektive nicht nur als formale Aufgabe der Umstellung des Schulsystems, sondern insbesondere auch als Herausforderung an die institutionalisierten zwischenmenschlichen Interaktionen, die Exklusion auf einer Mikroebene nicht gelingender Antwortverhältnissen hervorbringen (Steffens 2020). Inklusive Transformation lässt sich vor diesem Hintergrund als eine Deinstitutionalisierung der intersubjektiven Verhältnisse zwischen den Beteiligten bezeichnen, die nur in einer dialogischen und multiperspektiven Auseinandersetzung zu erreichen wäre. Der Annahme folgend, dass inklusive Lösungen in der Schule nur gefunden werden können, wenn diejenigen gefragt werden, die von Exklusion betroffen sind, werden Einblicke in die Perspektiven von Schüler:innen aus sozial benachteiligten Lebenslagen gegeben, die in Expert:inneninterviews zu Themen der Professionalisierung und der Schulentwicklung gefragt worden sind. In der Einbindung der Perspektiven, der Interessen, der Lebens- und Problemlagen der Schüler:innen deutet sich ein häufig übersehendes Innovationspotential für eine inklusiven Schule an, die als ein mehrperspektivischer Prozess nicht primär als Top-Down Vorgabe, sondern besonders auch als Bottom-Up Prozess (Moser & Egger 2017) realisiert und entwickelt werden muss. Eine dialogische Pädagogik (Jantzen 2002) und Momente emotional geteilter Resonanz (Steffens 2022) erweisen sich als zentral für die Gestaltung von Beziehungen, die die Schule für Schüler:innen zu einem Ort transformieren, an dem sie ihre Erfahrungen einbringen können, ihre Perspektiven gehört werden und ihre Lebenswelt eine Rolle spielt.
Literatur –Budde, J., Blasse, N.; Bossen, A., Rißler, G. (2015). Heterogenitätsforschung. Empirische und theoretische Perspektiven. Edition Erziehungswissenschaft. Beltz Juventa.
El-Mafaalani, A. (2022). Mythos Bildung. Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft. Mit einem Zusatzkapitel zur Coronakrise. 3. Auflage. Kiepenheuer & Witsch. Köln.
Ellinger, S. & Kleinhenz, L. (2021): Soziale Benachteiligung und Resonanzerleben. Entfremdungsprozesse in der Schule. Kohlhammer.
Forell, M., van Ackeren-Mindl, I., Bellenberg, G. & Klein, E.D. (2024). Woher und Wohin 2024. Soziale Herkunft und Bildungserfolg. Zentrale Ergebnisse der Schulleistungsstudien. Überarbeitete und erweiterte Fassung. Wübben Stiftung Bildung.
Freire, P. (1973). Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Moser, V. & Egger, M. (2017). Inklusion und Schulentwicklung. Konzepte, Instrumente, Befunde. Kohlhammer Verlag
Jantzen, W. (2002). Materialistische Behindertenpädagogik als basale und allgemeine Pädagogik. In: A. Bernard, A. Krämer, F. Riess (Hrsg.): Kritische Erziehungswissenschaft und Bildungsreform. Programmatik – Brüche – Neuansätze. Bd. 1: Theoretische Grundlagen und Widersprüche. Hoheneggelsen: Schneider, 2002, 104-125
Steffens, J. (2020). Intersubjektivität, soziale Exklusion und das Problem der Grenze. Zur Dialektik von Individuum und Gesellschaft. Psychosozial Verlag. Gießen.
Steffens, J. (2022). Emotionen öffnen und schließen das Gehirn. Die Bedeutung von Resonanz, Bindung und emotionaler Interaktion für sinnbildende Lernprozesse. In: Langner et. al. (Hrsg.) Schule Inklusive gestalten. Waxmann Verlag. S. 45-72
Wie ist der inhaltliche Status Ihres Beitrags? –Prof. Dr. Jan Steffens, ist seit 2023 Hochschulprofessor für Inclusive Education mit dem Schwerpunkt Entwicklung und Teilhabe an der EH Darmstadt. Er hat in Bremen Behindertenpädagogik studiert, dort promoviert und als Familienhelfer gearbeitet. Von 2022-2025 war er Leiter des Projekts „Inklusion im Resonanzraum Schule (IReS): Schulentwicklung als sozial-emotionales Antwortverhältnis in einer pluralen Gesellschaft“ in Bremerhaven.