18.02.2026 –, Raum 8 (GW2 B2900)
Verhältnisbestimmungen von Teilhabe – Teilhabe als Bestimmung von Verhältnissen (Julia Tierbach):
Wird Teilhabe als Kategorie bzw. die soziale Teilhabe von Menschen mit Behinderung als politische Forderung, pädagogischer Auftrag und Gegenstand von Forschung(shaltungen) betrachtet, entstehen hieraus komplexe Verhältnisse, die nicht nur angestrebt, sondern zugleich (re-)produziert werden. Die Annäherung an den Teilhabebegriff selbst gestaltet sich ebenso schwierig: Zwar fungiert er zunehmend als „Gravitationszentrum zahlreicher theoretischer Schriften, Forschungsprojekte und Praxiskonzepte“ (Dederich & Dietrich 2024, 14), bleibt dabei jedoch undifferenziert (ebd.). Die Kategorie der Teilhabe droht daher nicht nur an begrifflicher Schärfe zu verlieren, sondern auch bestehende Ausgrenzungsverhältnisse zu unterwandern und ihre Aussagekraft einzubüßen (Lanwer 2005, 2006).
Vor diesem Hintergrund werden im Beitrag zentrale Spannungsverhältnisse im Diskurs um die Teilhabe von Menschen mit Behinderung herausgearbeitet. Ziel ist es, diese im Hinblick auf forschungsmethodologische Perspektiven und pädagogische Implikationen zu reflektieren. Im Zentrum steht dabei die Frage danach, welche theoretischen Standpunkte (Feuser 2012, 2017; Jantzen 2017) dazu beitragen, ausgrenzende Verhältnisse mit dem Teilhabebegriff sichtbar und bearbeitbar zu machen – gleichzeitig soll hinterfragt werden, inwiefern Teilhabe ein konstitutiv ambivalentes und spannungsreiches Verhältnis darstellt und darstellen muss.
Zur Relevanz erfahrungsbezogenen Wissens für eine machtkritische Inklusionsforschung (Veronika Kourabas):
Die Inklusionsforschung speist sich aus unterschiedlichen Zugängen und reicht von sonderpädagogischen und systemtheoretischen Ansätzen bis zu den Disability Studies. Insbesondere die Disability Studies wie auch die Rassismus- und Gender Studies gründen ihre Zugänge wesentlich auf den Wissensbeständen subjektiven wie kollektiven Erfahrungswissen marginalisierter Gruppen (u.a. Boger 2017; Haraway 1995; Kilomba 2016). Diese Erfahrungen werden nicht als bloß subjektiv relevant verstanden. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass sie als gesellschaftlich situiertes Wissen zur Herausbildung machtkritischer Theorie in der Erforschung von Behinderungs- und Krankheitsphänomenen in gesellschaftlichen Verhältnissen beitragen (Köbsell 2012). Der Vortrag plädiert für eine erfahrungsgesättigte Theorieperspektive, die Erfahrungswissen nicht als das Eigentliche im Sinne eines ‚wahren Wissens‘ idealisiert, sondern als analytischen Zugang begreift, um die strukturellen Bedingungen sichtbar zu machen, unter denen Erfahrungen von Behinderung und chronischer Erkrankung gemacht, artikuliert und (nicht) gehört werden können. In Anlehnung an Ahmeds (2012) These, dass das Persönliche institutionell bzw. strukturell ist, wird argumentiert, dass Erfahrungen wissenschaftlich v.a. dann relevant werden, wenn sie mit einer gesellschaftskritischen Analyse verbunden sind und mit ihnen etwas Allgemeines über Machtverhältnisse deutlich wird. Im Vortrag wird – in Anschluss an das „Trilemma der Inklusion” (Boger 2017) – der Einbezug erfahrungsbezogenen Wissens im Spannungsfeld von Empowerment, Normalisierung und Dekonstruktion für eine machtkritische, erfahrungsgesättigte Inklusionsforschung fruchtbar gemacht.
Relevanz von Normativität in der Inklusionsforschung (Benedikt Hopmann):
Der Nomativitätsbegriff im Kontext von Inklusionsforschung verweist auf die Frage, welche “Ziele und Zwecke durch Inklusion realisiert werden sollen und mit welchen angemessenen Mitteln dies zu geschehen hat” (Dederich 2020, 534). Um dieser Frage nachgehen zu können ist jedoch sowohl die Konzeptionierung eines Maßstabs als auch dessen angemessene Begründung unerlässlich. Dass Normativität überhaupt als unverzichtbarer Bestandteil von Inklusion diskutiert wird liegt darin begründet, dass inklusive Implikationen kaum ohne wertende Kategorien denkbar sind (Hopmann, 2021). Zugleich zeigt sich, dass normative Ideen weder allein aus empirischen Materialien (Dederich 2020, 43), noch aus metaphysischen Argumentationen (Meixner 2013, 174) gewonnen werden können. Vor diesem Hintergrund wird im Beitrag eruiert, welcher Stellenwert dem Normativitätsbegriff im Kontext gegenwärtiger inklusionsorientierte Forschungsinteressen derzeit zukommt und welche Herausforderungen damit einher gehen.
Wie ist der inhaltliche Status Ihres Beitrags? –Präsentation theoretischer oder konzeptioneller Beiträge
Abstract Symposium –Inklusionsforschung ist seit Beginn durch ein enges Wechselspiel von wissenschaftlicher Analyse, normativer Orientierung und gesellschaftspolitischer Verortung sowie aktivistischer Wissensproduktion gekennzeichnet. Sie bewegt sich dabei in einem komplexen Spannungsfeld grundlegender theoretischer, normativer und epistemischer Fragen, die nicht nur methodische Entscheidungen betreffen, sondern die Struktur des Forschungsfeldes in grundlegender Weise kennzeichnen (Fritzsche et al. 2021).
Das Symposium greift die thematische Ausrichtung des Calls auf, um die Begriffstrias Forschung, Haltung und Aktivismus als notwendigerweise zusammenhängende Spannungsfelder der Inklusionsforschung sichtbar zu machen. Dabei geht es nicht darum, die Begriffe des Calls explizit und getrennt zu diskutieren. Vielmehr sollen in dem Symposium Zugänge geschaffen werden, in denen Fragen von Teilhabe, Wissensproduktion und Normativität als inhärente und dazu quer gelagerte Begriffe und Forschungsperspektiven aufgeworfen werden. Alle drei Begriffe und damit verbundenen Forschungsperspektiven vereint, dass sie Auswirkungen auf method(olog)ische Entscheidungen ausüben, somit (Forschungs-)Haltungen widerspiegeln und zugleich Fragen der Haltung in gesellschaftlichen, sozialen und pädagogischen Kontexten zum Gegenstand haben. Damit verbunden ist die Frage nach der Bedeutung von Aktivismus in Bezug auf die genannten Ansätze als Forderung und soziale Bewegung (Boger 2019), aber auch das Verständnis von Aktivismus aus Perspektive einer zu hinterfragenden Forschungshaltung.
Mit den gewählten Begriffen soll einerseits ermöglicht werden, die mit dem Call einhergehenden Spannungsfelder aus jeweils spezifischen Blickrichtungen zu diskutieren und sie als unabdinglichen Teil und Forderung der Inklusionsforschung sichtbar zu machen. Andererseits tragen sie dazu bei, die gewählten Zugänge als Kritik affirmativer Forderungen zu verstehen, indem sie als analytische Instrumente zur Annäherung an konkrete Verhältnisse begriffen werden sollen. Umfasst werden hierbei gesellschaftliche, soziale sowie pädagogische Verhältnisse, in denen diskriminierende, gewaltvolle und benachteiligende Strukturen und Praktiken reproduziert werden. Die dabei herausgearbeiteten Widersprüchlichkeiten werden nicht als aufzulösende Probleme oder Defizite, sondern vielmehr als Ausgangspunkte für eine machtbewusste, gesellschaftstheoretisch informierte Forschungshaltung verstanden mit denen reale Utopien – d.h. „utopische Ideale, die im realen Potenzial der Menschheit gründen“ (Wright 2010, S. 45) – angestrebt werden. Die entspricht einer Haltung, die eigene epistemische Positionierungen reflektiert, hegemoniale Normalitäts- und Differenzordnungen sichtbar macht und sich als kritisch-emanzipatorische Wissenschaftspraxis versteht (Schönwiese 2020).
Nach einer kurzen Einführung schließen 3 Einzelvorträge an, die jeweils ca. 20 Minuten umfassen. Danach wird ein Diskussionsraum von ca. 20-30 Minuten eröffnet.
Literatur –Mantelabstract:
Boger, M.-A. (2019). Politiken der Inklusion. Die Theorie der trilemmatischen Inklusion zum Mitdiskutieren. edition assemblage.
Boger, M-A. (2022). Risse in der Landschaft der Inklusionsforschung - Aktuelle Entwicklungen und offene Fragen. In B. Schimek, G. Kremsner, M. Proyer, R. Grubich, F. Paudel & R. Grubich-Müller (Hrsg.), Grenzen.Gänge.Zwischen.Welten. Kontroversen - Entwicklungen - Perspektiven der Inklusionsforschung. 43-58.
Fritzsche, B., Köpfer, A., Wagner-Willi, M., Böhmer, A., Nitschmann, H., Lietzmann, C. & Weitkämpfer, F. (Hrsg.) (2021). Inklusionsforschung zwischen Normativität und Empirie. Abgrenzungen und Brückenschläge. Opladen/Berlin/Toronto: Verlag Barbara Budrich.
Schönwiese, V. (2020). Partizipativ und emanzipatorisch: Ansprüche an Forschung im Kontext der Disability Studies. In D. Brehme, P. Fuchs, S. Köbsell & C. Wesselmann (Hrsg.), Disability Studies im deutschsprachigen Raum. Zwischen Emanzipation und Vereinnahmung (S. 114-131). Bielefeld: transcript.
Wright, E. O. (2017). Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus. Suhrkamp Verlag.
Auswahl zu den Einzelabstracts:
Ahmed, S. (2012). On being included: Racism and diversity in institutional life. Duke University Press.
Dederich, M. (2020). Inklusion. In G. Weiß & J.Zirfas (Hrsg.), Handbuch Bildungs- und Erziehungsphilosophie (S. 527–536). Springer VS.
Dederich, M. & Dierich, C. (2024). Das Subjekt der Teilhabe – Ein heuristisches Modell. In T. Sansour, O. Musenberg & J. Riegert (Hrsg.), Teilhabe. Reflexionen eines unscharfen Begriffs. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt. 13-39.
Haraway, D. J. (1995). Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive. In D. J. Haraway (Hrsg.), Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. (S. 217-248). Campus.
Julia Tierbach ist Erziehungswissenschaftlerin und derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen an der Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Teilhabe von Menschen mit Behinderungen tätig. Ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte befassen sich mit der Teilhabe und Ausgrenzung von Menschen im Autismus-Spektrum, mit Ansätzen der materialistischen Behindertenpädagogik und mit Fragen zur Aneignung und Tätigkeit auf Grundlage der Kulturhistorischen Schule. Im März 2025 hat sie ihre Promotion abgeschlossen. In ihrer Dissertationsstudie werden die Bedeutungen von Teilhabe im Feld der Autismus-Therapie rekonstruiert.
Dr. Veronika Kourabas ist Erziehungswissenchaftlerin und derzeit an der Hochschule Niederrhein im Rahmen einer Qualifizierungsstelle zur Hochschulprofessur mit dem Schwerpunkt Gesundheit und Diversität tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind erziehungswissenschaftliche Disability-, Gender- und, Rassismusstudien, Diskurstheorie und qualitative Sozialforschung. Ihr besonderes Interesse gilt der Analyse von theorie- und erfahrungsbasiertem Wissen in der Verschränkung von Disability und Gender sowie Formen der subjektiven wie kollektiven Handlungsfähigkeit.