19.02.2026 –, Raum 13 (GW2 B3850)
Präsentation empirischer Projektergebnisse (zum Tagungszeitpunkt vorr. im Abschluss befindliche Forschung), Präsentation laufender Forschungsprojekte (Zwischenstand)
Abstracts zu den Kurzvorträgen –Beitrag 1: Prof. Dr. Mathilde Niehaus
Kooperation im Betrieb zur Inklusion chronisch kranker Beschäftigter
Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Ungefähr ein Drittel der Erwerbstätigen hat eine chronische Erkrankung. Hier besteht Handlungsbedarf, um Betriebe inklusiv zu gestalten. Für die betriebliche Praxis ist es wichtig, dass externe und betriebsinterne Akteure zur Inklusion von Mitarbeitenden mit chronischen Erkrankungen beitragen.
Unser Forschungsansatz ist partizipationsorientiert in Zusammenarbeit mit der BAG Selbsthilfe (AmiChro, ChronMa). Die über quantitative und qualitative Erhebungen gewonnenen Ergebnisse zeigen, dass eine bedarfsgerechte Arbeitsgestaltung, eine offene Gesprächskultur und die Sensibilisierung zur Inklusion von Führungskräften entscheidend sind. Eine enge Vernetzung zwischen internen und externen Akteuren ist ebenfalls erfolgskritisch. Eine proaktive Haltung der Akteure zur Zusammenarbeit ist nötig, um die Beschäftigung von Mitarbeitenden mit chronischen Erkrankungen zu sichern.
Die Ergebnisse unserer Forschung (Niehaus/Schmitz/Siegert 2023) legen nahe, dass die Akteure der Personalabteilung, des Arbeitsschutzes und der Schwerbehindertenvertrauenspersonen im Zusammenspiel relevant an Rückkehr und Verbleib in Arbeit chronisch erkrankter Beschäftigter beteiligt sind.
Beitrag 2: Prof. Dr. Dieter Röh
Netzwerke und Kooperationen in der beruflichen Rehabilitation von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen
Die berufliche Rehabilitation organisiert sich über Netzwerke von Leistungsträgern, Leistungserbringern, Betrieben und den sozialen Beziehungen untereinander, die als formell und informell charakterisiert werden können. Hinzutreten die sozialen Netzwerke der Rehabilitandinnen selbst.
Im Forschungsprojekt wurden Netzwerke von Reha-Fachkräften in den leistungserbringenden Einrichtungen und Diensten, Rehabilitandinnen und Mitarbeiterinnen von Betrieben mittels egozentrierter Netzwerkkarten und problemzentrierten Interviews sowohl quantitativ als auch qualitativ erfasst. Die Netzwerkkarten der an der beruflichen Reha beteiligten Akteurinnen geben einen guten Ein- und Überblick in die gelebten sozialen Beziehungen. Die Netzwerkanalyse weist auf unterschiedliche Konnotationen hin, die für die berufliche Rehabilitation als wichtig erachtet werden: Aus Perspektive der interviewten Rehafachkräfte und der Rehabilitandinnen ist die berufliche Reha in der Öffentlichkeit, bei potenziellen Zuweisern und in Betrieben zu wenig bekannt, um die Potenziale dieses wichtigen Angebots zur (Re-)Integration voll ausschöpfen zu können. Zudem erweist sich die Kooperation mit dem Sozial- und Gesundheitswesen als ausbaufähig, um die Versäulung der Bereiche zu überwinden und eine integrierte, personenzentrierte Rehabilitation zu gewährleisten.
Beitrag 3: Dr. Marie Heide
Weiterentwicklung und Etablierung der Forschung zur beruflichen Rehabilitation
Aktuelle gesellschaftliche Veränderungen, wie die Digitalisierung oder die Auswirkungen des Klimawandels, führen auch in beruflichen Rehabilitations- und Bildungsprozessen zu einem Wandel und eine proaktive (Neu-)Gestaltung von Prozessen in der beruflichen Rehabilitation auf individueller und struktureller Ebene wird erforderlich (Heide et al. 2023). Um die Veränderungen zu begleiten und neue Wege aufzuzeigen, ist Forschung zur beruflichen Rehabilitation relevant.
Grundlage ist ein dreitägiger Scoping Workshop mit 14 Wissenschaftlerinnen aus unterschiedlichen Disziplinen. Der Inhalt der Diskussionen wird auf strukturierende Weise analysiert mit dem Ziel, zentrale Positionen zur Weiterentwicklung des Forschungsfeldes abzuleiten.
Die Forschung zur beruflichen Rehabilitation entwickelt sich als multi- und interdisziplinäres Feld, das individuelle, betriebliche, institutionelle und gesellschaftliche Bedingungen zur Teilhabe am Arbeitsleben über den Lebensverlauf hinweg adressiert. Für eine zukunftsfähige Forschung zur beruflichen Rehabilitation braucht es eine klare Profilschärfung, eine stärkere institutionelle Verankerung sowie langfristige Förderstrukturen. Methodische Vielfalt, interdisziplinäre Zusammenarbeit und Sichtbarkeit sind zentrale Voraussetzungen, um das Potenzial der Forschung zur beruflichen Rehabilitation auszuschöpfen und sichtbar werden zu lassen.
Heide, Marie Sophia, Bauer, Jana Felicitas, Niehaus, Mathilde, Hagen, Björn & Otto-Albrecht, Manfred (2023): „Die ambulante berufliche Rehabilitation flexibel und zukunftsfähig gestalten: Lerneffekte aus der COVID-19-Pandemie und darüber hinaus“. Deutsche Rentenversicherung, 2023, S. 89–114.
Niehaus, Mathilde, Schmitz, H. & Siegert, H. (2023): „Gekommen, um zu bleiben“. Das Personalmagazin, 3/2023, S. 46–49.
Röh, Dieter & Werner, Silke (2025): Netzwerkarbeit in der beruflichen Rehabilitation. Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt und Praxishinweise. Forum Sozialarbeit + Gesundheit, Heft 3, S. 16-20.
Die gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Behinderungen ist ein zentrales gesellschaftliches und politisches Ziel. Sie ist international in der UN-Behindertenrechtskonvention und national im Sozialgesetzbuch IX verankert. Die praktische Umsetzung von Teilhabe am Arbeitsleben erfolgt durch das Zusammenwirken unterschiedlicher Akteurinnen und die Gestaltung von Schnittstellen zwischen Betrieben, Bildungsinstitutionen und Rehabilitationseinrichtungen und -trägern.
Schnittstellen stellen kritische Übergangspunkte dar. Für Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen entscheidet sich hier, ob Zugang, Verbleib und Rückkehr in Arbeit ermöglicht oder behindert werden. Eine enge Abstimmung zwischen den beteiligten Akteurinnen ist daher unabdingbar. Dazu zählen nicht nur Betriebe, Rehabilitationseinrichtungen und -träger, sondern auch Forschung und Wissenschaft als eigenständige Akteurinnen. Sie analysieren Zusammenhänge, liefern evidenzbasierte Orientierung und setzen Impulse für strukturelle Veränderungen (Bethge/Tophoven 2024). Forschung trägt damit zur Sichtbarmachung von Bedarfen und Ressourcen bei und schafft Reflexionsräume, in denen Entwicklungen bewertet und weitergedacht werden können.
Teilhabeprozesse können nicht allein durch punktuelle Maßnahmen gesichert werden. Inklusive Arbeitsbedingungen entstehen vielmehr durch eine systematische Verzahnung von Forschungswissen, betrieblichen Gestaltungsprozessen sowie den Angeboten des Reha-Systems (Buschmann-Steinhage/Koch 2022). Ziel dieses Symposiums ist es, die unterschiedlichen Perspektiven zusammenzuführen und im Austausch sichtbar zu machen, wie Teilhabeprozesse nachhaltig gestaltet werden können. Es werden in drei Beiträgen unterschiedliche Perspektiven beleuchtet und miteinander in Beziehung gesetzt: Die Perspektive von betrieblichen Akteurinnen, von Rehafachkräften und Rehabilitandinnen und von Wissenschaftlerinnen.
Anschließend liegt der Fokus auf dem interaktiven Austausch und der Vernetzung von Wissenschaftlerinnen, Aktivistinnen und Praktikerinnen. Im Zentrum stehen Fragen nach weiteren relevanten Perspektiven sowie nach Formen der Kooperation und Vernetzung, die für die Gestaltung von Teilhabeprozessen im Arbeitsleben erforderlich sind. Ergänzend soll diskutiert werden, welche Rolle die Forschung dabei übernimmt und welche Bedarfe für eine zukunftsfähige Forschung zur beruflichen Rehabilitation bestehen.
Literatur
Bethge, Matthias & Tophoven, Silke (2024): „Berufliche Rehabilitation als Forschungsgegenstand: eine Befragung der Arbeitsgruppe Rehabilitation und Arbeit der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften“. Die Rehabilitation, 63, S. 389–392.
Buschmann-Steinhage, Rolf & Koch, Uwe (2022): „Entwicklung der Rehabilitationsforschung in Deutschland“. In: Meyer, Thorsten, Bengel, Jürgen & Wirtz, Markus Antonius (Hg.): Lehrbuch Rehabilitationswissenschaften. Bern: Hogrefe, S. 282–293.
Professionalisierung betrieblicher Akteurinnen im Kontext von Inklusion und Teilhabe
Gestaltung inklusiver Arbeitswelten für einen gelingenden stay-at-work und return-to-work
Wandel der Arbeitswelt und von beruflichen Rehabilitationsprozessen
Übergangsgestaltung von der Schule in Ausbildung und Arbeit für Schülerinnen mit Behinderung und inklusive Berufsorientierung
Mathilde Niehaus, Univ.-Prof. Dr. rer. nat. Dr. phil. habil. Dipl.-Psychologin hat mit Studium und Promotion im Fach Psychologie an der Universität Trier als Wiss. Mitarbeiterin bis 1992 gearbeitet. Die Habilitation erfolgte an der Universität Oldenburg. Seit 2003 hat sie von der Universität Wien den Ruf an die Universität zu Köln, Lehrstuhl für Arbeit und Berufliche Rehabilitation als Professorin angenommen. Z.Z. steht Forschung zu „Inklusiver Führung“, „Sag ich’s - Offenlegung einer gesundheitlichen Beeinträchtigung, Präsentismus bei Beschäftigten mit chronischer Beeinträchtigung / Behinderung und Transition Offboarding im Mittelpunkt.
seit WS 2005/2006 Professor für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Rehabilitation und Teilhabe
2005 Promotion (Dr. phil.) an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, Fakultät IV 'Human- und Gesellschaftswissenschaften - Institut für Psychologie' bei Prof. Dr. Peter Gottwald und Prof. Dr. Heinz-Alex Schaub zum Thema „Empowerment zur Lebensbewältigung – ein integriertes Konzept für die Arbeit mit chronisch psychisch kranken Menschen“
2000-2003 Studium der ‚Praxisorientierten Interdisziplinären Gesundheitswissenschaft’ an der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven, Abschluss: Master of Public Health
1992-1996 Studium der Sozialen Arbeit am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Ostfriesland,
Abschluss: Diplom-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge (mit staatlicher Anerkennung)
letzte Veröffentlichungen:
- Röh, D. (2025): Soziale Arbeit im Kontext von Rehabilitation und Teilhabe. München: Ernst-Reinhardt-Verlag
- Röh, D.; Meins, A. (2021): Sozialraumorientierung in der Eingliederungshilfe. München: Reinhardt Verlag
- Wiese, A.; Nauerth, M.; Röh, D. (2024): Teilhabe, Capabilities und daseinsmächtige Lebensführung. Eine theoretische Verknüpfung in der Perspektive Sozialer Arbeit. Soziale Arbeit. 73 (3), 101-107