20.02.2026 –, Raum 3 (GW2 B1820)
Präsentation theoretischer oder konzeptioneller Beiträge
Literatur –Graf, Erich Otto; Zahnd, Raphael (2022): Inklusion als Problem im erziehungswissenschaftlichen Feld. In: Zeitschrift Für Inklusion (3). Online verfügbar unter https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/675.
Klix, Jonathan (2025): Die Selbstvergewisserung von Einheit in der Pädagogik bei geistiger Behinderung. Eine denkstiltheoretische Lehrbuchanalyse. Dissertation. Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover, Hannover. Institut für Sonderpädagogik.
Kremsner, Gertraud (2017): Vom Einschluss der Ausgeschlossenen zum Ausschluss der Eingeschlossenen. Biographische Erfahrungen von so genannten Menschen mit Lernschwierigkeiten. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Die Sonder- und Inklusionspädagogik befindet sich in einem permanenten Spannungsfeld, das im Zentrum der diesjährigen IFO-Tagung steht: Sie agiert zwischen dem Anspruch, aktivistische Anliegen zu unterstützen und gesellschaftliche Transformationsprozesse anzustoßen, und den realen Bedingungen systemischer sowie wissenschaftlicher Rahmenvorgaben. Insbesondere eine Disziplin, die historisch eng mit sozialen Bewegungen und der Emanzipation marginalisierter Gruppen verbunden ist, muss ihr Selbstverständnis zwischen Systemkonformität und kritischem Aktivismus kontinuierlich neu verorten. Dieses Symposium beleuchtet diese Ambivalenz aus zwei sich ergänzenden Perspektiven, um die Entwicklungslinien und aktuellen Positionierungen der Sonderpädagogik kritisch zu diskutieren.
Der erste Beitrag von Jonathan Klix widmet sich einer gegenwartsbezogenen, disziplinspezifischen Analyse. Im Fokus steht die Pädagogik bei geistiger Behinderung (PbgB), deren konstituierender Bezug auf den Personenkreis Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung mittels sozialwissenschaftlicher sowie korpuslinguistischer Methoden untersucht wird. Angesichts der Zunahme partizipativer Forschungsansätze wird der Frage nachgegangen, ob sich die PbgB als inklusive Wissenschaft versteht und welche Rolle sie dem namensgebenden Personenkreis innerhalb der wissenschaftlichen Erkenntnisgenerierung tatsächlich zugesteht. Damit wird das Verhältnis von Forschung und Haltung direkt an den Wissensbeständen der Disziplin selbst untersucht.
Der zweite Beitrag von Philipp Seitzer nimmt eine historisch-grundlagentheoretische Rahmung vor. Er zeichnet nach, wie sich die Heil- und Sonderpädagogik im Spiegel verschiedener wissenschaftlicher Wenden – von der wissenschaftstheoretischen bis zur sozialkritischen – zu externen aktivistischen Impulsen wie den Bürgerrechtsbewegungen oder den Disability Studies positioniert hat. Besonderes Augenmerk gilt dabei auch den Formen eines disziplin-internen, selbstkritischen Aktivismus, der die eigene Verstrickung in exkludierende Strukturen thematisiert. Der Beitrag fragt, welche historischen Begründungsmuster bis heute nachwirken und das aktuelle Spannungsverhältnis von Bildungsutopie und Systemkonformität prägen.
Indem das Symposium die fokussierte Analyse gegenwärtiger Diskurse mit einer breiten historischen Kontextualisierung zusammenführt, zielt es auf eine kritische Reflexion über das Selbstverständnis der Sonderpädagogik. Den Abschluss bildet ein von Imke Niediek moderierter Dialog, der die zentralen Thesen der Beiträge aufgreift und das Publikum zur Diskussion über die zukünftige Ausrichtung der Disziplin einlädt.
Vortrag Philipp Seitzer: Zwischen Systemstabilisierung und Selbstkritik: Historische und grundlagentheoretische Perspektiven auf die Sonderpädagogik als aktivistische Wissenschaft.
Die Geschichte der Heil- und Sonderpädagogik ist von Brüchen und widersprüchlichen Strömungen geprägt. Der Beitrag geht der Frage nach, wie sich die Disziplin zu verschiedenen Zeiten zwischen den Polen von Systemkonformität und (selbst-)kritischem Aktivismus positioniert hat. Anhand zentraler "Wenden" – von der wissenschaftstheoretischen Fundierung bis zur sozialkritischen Öffnung – wird nachgezeichnet, wie die Disziplin auf externe Impulse wie die Bürgerrechtsbewegungen oder die Disability Studies reagierte. Gleichzeitig wird beleuchtet, inwiefern sich auch disziplin-interne Formen eines selbstkritischen Aktivismus entwickelten, die die Sonderpädagogik als Teil des Problems verstanden. Vor diesem Hintergrund fragt der Vortrag, welche historischen Begründungsmuster heute noch wirksam sind und wie diese das aktuelle Verhältnis von Forschung, Haltung und Aktivismus in der Inklusionsdebatte prägen.
Vortrag Jonathan Klix: Pädagogik bei geistiger Behinderung als inklusiv-partizipativer Denkstil? Verortungen der PbgB im Reden über Menschen mit sog. geistiger Behinderung.
Die deutschsprachige Pädagogik bei geistiger Behinderung (PbgB) ist der Teilbereich der Sonderpädagogik, der sich auf die Bildung und Erziehung von Menschen mit sog. geistiger Behinderung konzentriert. Sie zeichnet sich dabei durch einen konstituierenden Personenkreisbezug auf Menschen mit sog. geistiger Behinderung aus (vgl. Klix, 2025). Spätestens mit einer wahrnehmbaren Zunahme partizipativer und inklusiver Forschung im Feld der PbgB (s. z. B. Kremsner, 2017) stellt sich die Frage nach dem Stellenwert von (nicht) formal Zugangsberechtigten Akteuren der Universität sowie des Einflusses von Inklusion auf die Generierung wissenschaftlicher Erkenntnisse (s. z. B. Graf & Zahnd, 2022). Der Vortrag beantwortet die Frage, ob sich die PbgB als inklusive Wissenschaft versteht, mit sozialwissenschaftlichen und diskurslinguistischen Methoden. Mit Hilfe eines Teils der im Rahmen meines Promotionsprojekts gewonnenen Daten werde ich sodann der Frage nachgehen, ob der dem nach wie vor für die Konstitution der PbgB als Wissenschaft als notwendig anzusehende Personenkreisbezug impliziert, dass sich die PbgB als inklusive Wissenschaft versteht, und welche Positionen ebendiesem Personenkreis innerhalb der wissenschaftlichen Erkenntnisgenerierung zugestanden wird.
Als wissenschaftlicher Mitarbeiter (Postdoc) am Institut für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover beschäftige ich mich mit grundlagentheoretischen Fragen der Pädagogik bei geistiger Behinderung. Meine Forschung untersucht die disziplinäre Konstitution dieses Fachbereichs und analysiert diskursive Konstruktionen von (geistiger) Behinderung.
Ein zentraler Fokus liegt auf Theorien der Inklusion und der Frage, wie Handlungskraft in sprachlichen Äußerungen konstituiert wird. Methodologisch arbeite ich an der Schnittstelle von erziehungswissenschaftlicher Diskursforschung und Sprachwissenschaft und trage zur kritischen Reflexion disziplinärer Wissensproduktion in der Sonderpädagogik bei.