Sonderpädagogischer Schwerpunkt Geistige Entwicklung - eine kritische Analyse schulischer Klassifikationszusammenhänge (Raum 2 - Slot 5)
20.02.2026 , Raum 2 (GW2 B1410+1415)


Abstract Symposium

Aktuelle Entwicklungen, die knapp 20 Jahre nach der Ratifikation der UN-Behindertenrechtskonvention (Degener & Diehl 2015) undenkbar scheinen, bedürfen der Aufklärung. Denn der Neubau und Ausbau von Förderschulen erfreut sich einer „Renaissance“. Zudem trifft eine offenbar höhere gesellschaftliche Sensibilisierung für Differenzen auf einen Anstieg von diagnostischen Verfahren (z. B. im Rahmen von ICD-10/11), bei gleichzeitig abnehmender Bereitschaft, Inklusion in Schulen als schulpraktisches Prinzip zu etablieren (Gotthard 2024). Dies wird auch deutlich an einem erheblichen Anwachsen von Schüler:innen im sonderpädagogischen Schwerpunkt Geistige Entwicklung, einhergehend mit einem hohen Grad von Förderbeschulung – spätestens nach der Grundschulzeit (Baumann et al. 2021). Ein Anstieg von GE-Förderschulbiografien ist in vielfältiger Hinsicht problematisch, da ein qualifizierter Schulabschluss in dieser Schulart nicht vorgesehen ist und die schulische Diagnose „Geistige Entwicklung“ nachschulisch häufig mit hohen beruflichen und gesellschaftlichen Selektions- und Exklusionsrisiken in Form von „Sonderinstitution(alisierung)skarrieren“ einhergeht (Schuppener et al. 2021; Schuppener 2022). Daher erfordert diese Klassifikationspraxis in besonderem Maße eine wissenschaftliche Reflexion der Transformation exkludierender Strukturen und der Gestaltung von (Bildungs-) Systemen im Sinne des Inklusionsanspruchs an Schule. Das Symposium umfasst drei 15-minütige Beiträge, eine Zusammenschau und eine anschließende Plenumsdiskussion. Im ersten Beitrag (BeSchul GE, Stadt Frankfurt, 01/2025-10/2026) werden schulstatistische Entwicklungen im Förderschwerpunkt GE mehrebenenanalytisch nachgezeichnet sowie Befunde aus Befragungen von Eltern und Schulleitungen vorgestellt. Der zweite Beitrag (FePrax, BMBF, 08/2021 – 12/2024) analysiert auf Grundlage eines Mixed-Methods-Designs Merkmale, Argumentationen und Verschiebungseffekte bei der Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs im Schwerpunkt GE. Im dritten Beitrag (BeSchulGE Leipzig, Max-Traeger- und BGAG-Stiftung, 10/2025-12/2026) wird auf Basis qualitativer Schulleitungsinterviews die veränderte Zusammensetzung der Schüler:innenschaft im Förderschwerpunkt GE thematisiert. Eine Zusammenschau von Prof. Dr. Oliver Musenberg und eine moderierte Diskussion schließen das Symposium ab.

Abstracts zu den Kurzvorträgen

Beitrag 1: Anstieg im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung (GE): Empirische Analysen zu Strukturen und Akteur:innen
Elena Galeano Weber, Lena Schmitz, Nadine Stahlberg, Svenja Uhlemann, Vera Moser
Die steigenden Fallzahlen im Förderschwerpunkt GE stellen besonders Großstädte wie Frankfurt am Main vor Herausforderungen – sowohl hinsichtlich knapper Schulplätze als auch der Frage nach inklusiven oder segregierenden Lösungen. Im Projekt Beschul GE wird untersucht, wie sich Zuweisungen zum Förderschwerpunkt GE auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene sowie innerhalb Frankfurts unterscheiden und welche strukturellen Faktoren zum Anstieg beitragen. Quantitative Mehrebenenanalysen auf Basis amtlicher schulstatistischer Daten beleuchten u. a. Zusammenhänge mit Migrationskontexten und regionale Platzierungsmuster. Ergänzend richtet sich der Blick auf die Beschulungssituation in Frankfurt: Welche Bedarfe, Herausforderungen und Erfolge zeigen sich an inklusiven und Förderschulen? Welche Kriterien sind für Familien schulwahlentscheidend? Zur Beantwortung werden im Mixed-Methods-Design qualitative Interviews mit Eltern und Schulleitungen sowie eine standardisierte Befragung durchgeführt und inhaltsanalytisch bzw. statistisch ausgewertet. Ein Auszug der Ergebnisse wird vorgestellt. Der Beitrag möchte eine evidenzbasierte Diskussion über zukünftige schulische Infrastruktur und inklusive Entwicklungsperspektiven anstoßen.
Beitrag 2: Merkmale, Argumentationen und Verschiebungseffekte in Feststellungsverfahren zum Förderbedarf Geistige Entwicklung (GE)
Katja Adl-Amini, Angelika Bengel, Elena Galeano Weber
Trotz einer durchschnittlich steigenden Inklusionsquote an allgemeinen Schulen, werden Schüler:innen im Förderschwerpunkt GE besonders häufig in Förderschulen beschult (Klemm, 2022). Mit Beschluss des ‚Doppelkriteriums‘ und Einführung in Hessen (HKM, 2021) – IQ < 70 plus Einschränkungen adaptiver Fähigkeiten für GE, Lernrückstände bei IQ 70–85 für Lernen (LE) – stellt sich die Frage nach einem administrativ-diagnostischen Verschiebungseffekt von LE zu GE. Dennoch fehlen bislang Studien zur Feststellung des Förderbedarfs GE im Rahmen regional differenter Verfahren – auch im Vergleich zum Förderschwerpunkt LE, welcher ebenfalls lernzieldifferente Beschulung ermöglicht und zu dem aktuelle Befunde vorliegen (Adl-Amini, et al., 2025; Koßmann et al., 2024). Der Beitrag untersucht daher, wie die Zuschreibung des Förderschwerpunktes GE im Rahmen der Verfahren zur Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs verschiedener Bundesländer legitimiert und vom Förderschwerpunkt LE abgegrenzt wird. Quantitativ werden 12 sonderpädagogische Gutachten im Förderschwerpunkt LE sowie 10 Fälle aus GE unter Anwendung multivariater Verfahren analysiert. Für die GE-Fälle erfolgt zusätzlich eine qualitativ-interpretative Auswertung in Anlehnung an die Grounded-Theory-Methodologie, die Argumentationslinien und Legitimationsmuster aus Gutachten und Beratungsgesprächen rekonstruiert. Die Ergebnisse werden im Kontext aktueller Befunde zu LE diskutiert.
Beitrag 3: BeschulGE (Leipzig) – Herausforderung „veränderte GE Schüler:innenschaft“ in der Schulpraxis
Helene Hellmann, Saskia Schuppener
In den wenigen Studien zur Beschreibung der Schüler:innenschaft im Schwerpunkt Geistige Entwicklung wird zum einen „die seit ca. 20 Jahren steigende Prävalenz in Deutschland“ thematisiert (Baumann et al. 2021, 13). Zum anderen werden 51-53% aller Schüler:innen mit dem sonderpädagogischen Schwerpunkt Geistige Entwicklung Probleme im Bereich der Emotionen und des Verhaltens attestiert, die über einem ‚klinischen Grenzwert liegen‘ (vgl. u.a. Müller et al. 2020; Dworschak et al. 2012; Soltau et al. 2015). Damit kommt es zwangsläufig zu einer Überforderung der Förderschule GE, die zunehmend als „Sammelbecken“ für jenen Teil der Schüler:innenschaft fungiert, der als ‚Hochrisikogruppe‘ (vgl. u.a. Buckley et al. 2020; Munir 2016; Strømme & Diseth, 2000) für Schulausschluss und psychotherapeutische Nicht-Versorgung gilt . Zur Frage nach der Rolle der Förderschule zum Schwerpunkt Geistige Entwicklung im Schulsystem, der Relevanz einer veränderten Schüler:innenschaft und etwaigen „Grenzen der Beschulbarkeit“ (Hennicke 2016, S. 160) soll auf der Basis von Schulleiter:innenbefragungen diskutiert werden. Die Leitfadeninterviews werden mit der Situationsanalyse nach Clarke et al. (2022) ausgewertet und in Form von Positions-Maps und Maps sozialer Arenen aufbereitet.

Wie ist der inhaltliche Status Ihres Beitrags?

Präsentation empirischer Projektergebnisse (zum Tagungszeitpunkt vorr. im Abschluss befindliche Forschung)

Literatur

Adl-Amini et al. (2025). Inklusive Diagnostik bei Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs. In: Beck et al. (Hrsg.), Fächerübergr. Diagnostik, Bd. 1, S. 43–64. Waxmann.
Baumann et al. (2021). Schülerschaft mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung II. Athena.
Buckley et al. (2020). Mental health in children with ID – Meta-analysis. J. Psychiatry, 54(10), 970–984.
Clarke et al. (2022). Situation Analysis in Practice. Routledge.
Degener & Diehl (Hrsg.) (2015). Handbuch Behindertenrechtskonvention. BpB.
Dworschak et al. (2012). Schülerschaft mit geistiger Entwicklung (Bayern). SchulVerwaltung NRW, 23(12), 334–336.
Gotthardt (2024). Förderzentren Ostbayern im Wandel. Diss.
Hennicke (2016). Grenzen der Beschulbarkeit. Heilpäd. Forschung, 42(3), 160–168.
Klemm (2022). Inklusion in Deutschlands Schulen 2020/21. Bertelsmann.
Koßmann et al. (2024). Leistungs-/Verhaltensmerkmale und SPU Lernen. Z. Erziehungswiss., 27, 1281–1303.
HKM (2021). Amtsblatt des Hessischen Kultusministeriums Nr. 11/2021, Wiesbaden: Hessisches Kultusministerium.
Müller et al. (2020). Schülerschaft mit geistiger Behinderung. Emp. Sonderpäd., 4, 347–368.
Munir (2016). Mental disorders in youth with ID. Curr. Opin. Psychiatry, 29(2), 95–102.
Schuppener et al. (2021). Pädagogik bei geistiger Behinderung. Kohlhammer.
Schuppener (2022). Diagnostik im SPU Geistige Entwicklung. Sonderpäd. Förderung heute, 67(2), 171–183.
Schuppener et al. (2024). Seelische Gesundheit bei ID. Z. Heilpäd., 75(10), 457–468.
Speck (2013). Vermehrung von SuS mit „geistiger Behinderung“. VHN, 1, 1–10.
Strømme & Diseth (2000). Psych. Diagnosen bei mental retardierten Kindern. Dev. Med. Child Neurol., 42(4), 266–270.

Siehe auch: Symposium_Zusammenfassung_Abstracts (188,3 KB)

Forschungsschwerpunkte
Als fortgeschrittene R2-Postdoktorandin mit fundiertem Hintergrund in Kognitiver Neurowissenschaft, Entwicklungs- und Pädagogischer Psychologie forsche ich zu Lern- und Gedächtnisprozessen bei Kindern und Erwachsenen.
Meine Schwerpunkte umfassen:
o Entwicklung von visuellem Gedächtnis und Aufmerksamkeit
o Generatives und gestisches Lernen
o Umgang mit Neurodiversität im Klassenzimmer
o Sonderpädagogische Förderung, Inklusion und Diagnostik im Bildungssystem
Übergreifend untersuche ich, wie sich Lernprozesse optimal fördern lassen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit vielfältigen Lernvoraussetzungen und Unterstützungsbedarfen.

Katja Adl-Amini hat Förderschullehramt studiert und fünf Jahre als Lehrerin in Deutschland und der Schweiz gearbeitet. Sie hat im Rahmen der IGEL-Studie des IDeA-Forschungszentrums zu adaptiven Unterrichtsmethoden in den Erziehungswissenschaften promoviert und als Postdoc im Projekt "Level - Lehrkräftebildung vernetzt entwickeln" zu Lehrkräfteprofessionalisierung im Kontext von Inklusion an der Goethe-Universität Frankfurt gearbeitet. Seit 2020 ist die Professorin für Schulpädagogik im Kontext von Heterogenität an der Technischen Universität Darmstadt. Sie forscht zudem zu kooperativem Lernen im inklusiven Unterricht und zur Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs.

Kathrin und Stefan Quandt Stiftungsprofessur für Inklusionsforschung, GU Frankfurt

Angelika Bengel ist seit April 2025 Gastprofessorin für Sonderpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Schul- und Unterrichtsentwicklung im Kontext von Inklusion, Professionalisierung für heterogene Lerngruppen, Interdisziplinäre Kooperation sowie Schutzkonzepte in Schulen – Prävention sexualisierter Gewalt

Diese(r) Vortragende hält außerdem:

Prof. Dr. Oliver Musenberg, Professur für Pädagogik bei geistiger Behinderung im Institut für Rehabilitationswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin

Saskia Schuppener hat an der Universität Leipzig die Professur für Inklusive Bildung und Partizipation im Kontext Geistiger Behinderung inne.
Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in der kritischen Auseinandersetzung mit Partizipativer Forschung und Lehre sowie in ableismuskritischen Zugängen zu Themenschwerpunkten aus dem Bereich struktureller Gewalt und Vulnerabilität, Diagnostik, herausforderndes Verhalten und Autonomieeschränkungen.