19.02.2026 –, Raum 3 (GW2 B1820)
Mantel (Gottwald)
Das Symposium widmet sich den Potentialen und Herausforderungen partizipativer Forschung und Hochschullehre.
Partizipative Projekte folgen dem Ziel, Einblicke in individuelle Lebenswelten auf Basis der Erfahrungen der Co-Forschenden zu ermöglichen. Darüber hinaus erheben sie den Anspruch, diese Lebenswelten verändernd mitzugestalten (Munde, Tillmann: 2022).
Exemplarisch möchten wir uns mit den Chancen und Grenzen gleichberechtigter Teilhabe im Spannungsfeld zwischen Ansprüchen der Wissenschaft, politischen Bestrebungen und Interessen der Community beschäftigen.
Vorgestellt werden zwei partizipative Projekte e in Bezug auf die jeweiligen Chancen und Herausforderungen. Im Anschluss möchten wir einen offenen Austausch darüber ermöglichen, wie Kooperationen zwischen wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen gestaltet werden können. Diskutieren möchten wir auch, welche Spannungen dabei entstehen – vor allem im Hinblick auf die Positionierung zwischen Wissenschaft und politischem Aktivismus.
Theoretischer Rahmen:
Haltung ist nicht nur eine individuelle Einstellung, sondern erzeugt Handlungsmacht (Agency) (Forschung muss die eigene Involviertheit in die (Re-)Produktion von Ungleichheit reflektieren und Wissen als situiert beschreiben (Haraway 1988). Wissenschaft muss als Instrument sozialen Wandels verstanden werden (Mertens 2021) und Partizipation als Empowerment/Selbstbestimmung, wobei Machtfragen kritisch in den Blick genommen werden müssen (Cornwall 2008, Smith 1999/2012). Macht ist in der partizipativen Forschung kein bloßes Hindernis, das man beiseite räumen kann; sie formt jede Interaktion von vornherein und muss ständig aktiv ausbalanciert werden muss.
Fragen zur Diskussion:
• Wie kann Wissenschaft in politisierten Kontexten agieren, wenn ihre kritische Distanz zur Diskussion steht? Wie kann sie zugleich Formen solidarischer Praxis ermöglichen?
• Wie findet die Aushandlung von Rollen zwischen Forschenden und Aktivistinnen statt?
• Was sind die Bedingungen, unter denen Kooperationen zu einem demokratischen Erkenntnis- und Gestaltungsprozess beitragen können?
• Welche Reibung mit hierarchischen Strukturen öffentlicher Institutionen entsteht und wie kann dem begegnet werden?
• An welchen Stellen ist die Gefahr von Scheinteilhabe/Tokenism besonders hoch?
• Welche Mechanismen sind nötig, um sicherzustellen, dass die Co-Forschenden nicht nur Datenlieferantinnen für die akademische Karriere anderer sind, sondern eine echte „Eigenherrschaft“ (Ownership) über den Forschungsprozess und dessen Ergebnisse behalten?
• Welche strukturellen Zwänge öffentlicher Institutionen (z. B. Förderrichtlinien, Zeitpläne) verhindern aktiv eine ethisch reflektierte, langfristige Beziehungsarbeit, die für echte Partizipation notwendig wäre?
• Wie kann die Forderung nach „ethischer Reflexivität“ in einem Wissenschaftssystem aufrechterhalten werden, das primär auf messbaren „Outputs“ und Effizienz basiert?
Cornwall, A. (2008): Unpacking 'Participation': models, meanings and practices. In: Community Development Journal 43 (3), 269–283. DOI: 10.1093/cdj/bsn010.
Engel, J./Demmer, C./Fuchs, T./Jörissen, B./ Wiezorek, C. (2023): Haltungen - Perspektiven der qualitativen Bildungs- und Biographieforschung. In: dies. (Hg.): Zugänge aus Perspektiven qualitativer Bildungs- und Biographieforschung. DOI: 10.3224/84742608
Haraway, D. (1988): Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective. In:Feminist Studies. 14/Nr 3, 575-599, URL: https://www.jstor.org/stable/3178066
Mertens, D. M. (2021): Transformative Research Methods to Increase Social Impact for Vulnerable Groups and Cultural Minorities. In: International Journal of Qualitative Methods 20. DOI: 10.1177/16094069211051563.
Munde, V.; Tillmann, V. (2022): Partizipative Forschung. Umsetzungsbeispiele und Zukunftsperspektiven. In: Teilhabe 61 (2), S. 74–80.
Nguyen, Xuan Thuy (2020): Whose Research Is It? Reflection on Participatory Research with Women and Girls with Disabilities in the Global South. In: Jeunesse: Young People, Texts, Cultures 12 (2), S. 129–153. Online verfügbar unter https://www.utpjournals.press/toc/jeunesse/12/2
von Unger, H./Narimani, P. (2012) : Ethische Reflexivität im Forschungsprozess: Herausforderungen in der Partizipativen Forschung, WZB Discussion Paper, No. SP I 2012-304, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin
Smith, L. T.1999): Decolonizing Methods. Research and indigenous peoples. Ontago
Wiarda, M., Giannelos, K., Schuerz, S., Reber, B., Doorn, N. (2023) Ethics Framework and Guidelines: A guide for research funding organizations implementing participatory activities. DOI: https://www.doi.org/10.5281/zenodo.8089672
Beitrag 1 (Sprenger): Mujeres, Cultura & Saberes oder die Gestaltung von Kooperationen zwischen privaten und öffentlichen Trägern am Beispiel einer deutsch-kolumbianischen NGO.
Die Situation fehlender Passung zwischen politisch gesteuerten Angeboten und den realen Bedürfnissen und Interessen der Menschen mit Behinderung und ihren Familien ist ein wiederkehrendes Diskussionsthema der Community eines kleinen kolumbianischen Dorfes. Gemeinsam engagieren sich sechs junge Frauen mit Behinderung, ihre Familien und die Mitarbeiterinnen einer lokalen NGO, um eine öffentlichkeitswirksame Veranstaltung zu organisieren. Die Talente und Interessen verschiedener Frauen mit Behinderung stehen im Fokus des Events, ebenso wie das Potenzial zur Selbstorganistation. Partizipation von der Ideenfindung bis zur Umsetzung öffentlichkeitswirksamer Projekte gehört zum Selbstverständnis der Gruppe, doch die Kooperation mit öffentlichen Einrichtungen ist geprägt durch hierarchische Interaktionsmuster. Ein gleichberechtigter Zugang zu öffentlichen Räumen muss stetig erstritten werden. Können partizipativ Forschende als Vermittler:innen zwischen politischer Agenda und den Interessen der marginalisierten Gruppe junger Frauen mit Behinderungserfahrung wirken? Der Beitrag beleuchtet die verschiedenen Momente der Begegnung zwischen den Akteur:innen in der Planung und Umsetzung der Kulturveranstaltung. Außerdem teilt die Forschende einen selbstreflexiven, kritischen Blick auf die Chancen und Limitationen des Forschungsansatzes der Participatory Action Research.
Beitrag 2 (Wiezcorek): Füreinander planen – voneinander lernen. Flexibilität in und Reflexion von partizipativen Projekten zum Thema Empowerment in der Hochschullehre.
Studierende stecken in einem Dilemma, wenn sie im Rahmen von Hochschullehre partizipative Projekte planen und umsetzen und sich im Nachgang die Frage stellen, wie es um das Verhältnis von Anspruch und Realität steht. Waren die Projekte tatsächlich von gleichberechtigter Teilhabe geprägt? Kam es durch die Vorbereitungen bereits zu vermeidbarer Überlegenheit? An welchen Stellen entstanden ungewollt asymmetrische Machtverhältnisse? Warum und in welchem Kontext war Flexibilität gefordert oder mussten Entscheidungen für Projektteilnehmer*innen in deren Beisein getroffen werden? War ein Projekt erfolgreich, wenn alle Beteiligten am Ende zufrieden sind, oder nur, wenn sich über das Projekt hinaus ein Transfer in den Alltag ergibt?
Der Beitrag stellt drei unterschiedliche Projekte zum Thema Teilhabe und Musik vor, deren Endresultate in Film- oder Tonaufnahmen festgehalten wurden. Ob Song-Entwicklung mit Hilfe von KI mit Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung, Podcast-Erarbeitung mit Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Empowern durch das Darstellen eines Songs zum Thema ich bin gut so, wie ich bin mit Menschen mit Behinderung – diese Aufnahmen geben Einblicke in die Arbeit junger Erwachsener, die auf unterschiedliche Ressourcen zurückgreifen können und sich durch Teilhabe auf Augenhöhe gegenseitig empowern.
Die vorgestellten Projekte spiegeln die Ideen und Fragen der Studierenden wider und werden mit ihrer Zustimmung präsentiert.
Präsentation laufender Forschungsprojekte (Zwischenstand), Präsentation von Praxisprojekten oder Praxisbeispielen, Methodische Reflexionen, Partizipative und kollaborative Forschungsformate
Participatory Action Research/Investigación Actión Participativa
Partizipation in Forschung und Wissenschaft
Implementierung der UN-BRK in internationalen Kontexten
Intersektionalitätsforschung
TU Dortmund
Soziale und emotionale Entwicklung in Rehabilitation und Pädagogik
Schwerpunkt Kulturelle Bildung Musik
Kurzvita
• seit 2023: Oberstudienrätin im Hochschuldienst im Fachgebiet "Arbeit, Inklusion und Technologie".
• SoSe 2018: Vertretung der Professur "Behinderung und Inklusion" an der Universität Kassel
• seit 2016: Studienrätin im Hochschuldienst am Lehrstuhl "Entwicklung und Erforschung inklusiver Bildungsprozesse"
• seit 2003: Wissenschaftliche Angestellte und später Studienrätin im Hochschuldienst am Lehrstuhl "Theorie der Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung" (Markus Dederich)
Publikationen (Auswahl)
Gottwald, C. (2026). Ableismus und die Macht des Lachens: Eine kritische Perspektive am Beispiel des Diskurses um Luke Mockridge (im Review)
Gottwald, C. (2020). Geschichte und Symbolik der (Be-)Kleidung differenter Körper. In B. Schmuck, G. Mentges (Hrsg.), Fashion Dis/ability. Waxmann Verlag. S. 65-76
Grosche, M., Gottwald, C., & Trescher, H. (Hrsg.). (2020). Diskurs in der Sonderpädagogik: Widerstreitende Positionen. Ernst Reinhardt Verlag
Gottwald, C. (2019a). Behinderung. In socialnet Lexikon (Verlagsversion). socialnet GmbH. https://www.socialnet.de/lexikon/Behinderung
Gottwald, C. (2019b). Inklusion, Bildung und Politik: Inklusionspädagogik, (sonderpädagogische) Bildungsforschung und ihr Verhältnis zum Politischen. In M. Dederich, S. Ellinger, & D. Laubenstein (Hrsg.), Sonderpädagogik als Erfahrungs- und Praxiswissenschaft. Barbara Budrich, S. 297–314
Gottwald, C. (2009). Lachen über das Andere: eine historische Analyse komischer Repräsentationen von Behinderung. Transcript. https://doi.org/10.14361/9783839412756