Haltungen entscheiden mit: Förderdiagnostische Prozesse im Kontext von Mehrsprachigkeit (Raum 4 - Slot 5a)
20.02.2026 , Raum 4 (GW2 A1110)


Abstract Einzelbeitrag

Förderdiagnostische Prozesse sind ein zentrales Handlungsfeld Inklusiver Pädagogik. In ihnen entscheiden multiprofessionelle Teams in kollektiven Aushandlungsprozessen über Bedarfe, Ziele, Angebote und Zuständigkeiten für die Förderung von Schüler:innen. Diese Entscheidungen werden durch förderdiagnostische Handlungskompetenzen sowie fachliches Wissen (Fink et al., 2023) und Haltungen zu Inklusion und spezifischen Heterogenitätsdimensionen (Xiang et al., 2023) beeinflusst. Ein bedeutsamer Entwicklungsbereich ist die Sprache. Sie kann als symbolisches Kapital verstanden werden, das Zugang zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe eröffnet. Im Kontext von Mehrsprachigkeit stehen Lehrkräfte vor der komplexen Herausforderung, sprachliche Schwierigkeiten klinischer Natur von typischen Erwerbsverläufen zu unterscheiden und adäquate, sprach- und registersensible Förderentscheidungen zu treffen (Daase et al., 2025; Starke et al., 2024). Fehlende oder fehlerhafte Identifikationen sprachlicher Unterstützungsbedarfe können zur Fehlverteilung von Ressourcen, Stigmatisierung oder dem Ausbleiben notwendiger Unterstützung führen und so die schulische Teilhabe beeinträchtigen (Wilcox et al., 2021). Während bisherige Studien förderdiagnostische Entscheidungen in Einzelsettings untersuchten (Starke et al., 2024), stellt sich die Frage, wie derartige Prozesse in multiprofessionellen Teams ablaufen und inwiefern Wissen und Haltungen diese beeinflussen.
Im Projekt „Expertise: Schulische Sprachbildungsangebote in der Stadt Bremerhaven“ wurden an drei Grund- und drei Oberschulen vignettenbasierte Gruppeninterviews durchgeführt, in denen Lehrkräfte und pädagogisches Personal eine förderdiagnostische Fallkonferenz simulierten. Die Interviews wurden qualitativ-inhaltsanalytisch ausgewertet (Kuckartz, 2016). Erste Ergebnisse auf Prozessebene zeigen fehlende Zielformulierungen innerhalb der Fallkonferenzen sowie die Entscheidung für eher unspezifische Förderangebote. Weiterhin zeigten sich ambivalente Haltungen zwischen einem wertschätzenden Verständnis von Mehrsprachigkeit als Ressource einerseits und der fortbestehenden monolingualen Realität des Schulsystems auf struktureller und didaktischer Ebene andererseits. Notwendig ist demzufolge der Ausbau förder- und sprachdiagnostischen Wissens, insbesondere im Kontext von Mehrsprachigkeit, als auch die Schaffung von Gelegenheiten zur Reflexion eigener Haltungen, um förderdiagnostische Entscheidungen teilhabefördernd zu gestalten.

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Literatur

Daase, A., Starke, A., Dunowski, E., & Rademacher, K. (2025). Zwischen Separation und Inklusion: Neu zugewanderte Schüler*innen im deutschen Schulsystem – eine interdisziplinäre Betrachtung. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht, 30(1), 27–50.
Fink, S., Thiel, F., & Kramer, R. (2023). Diagnostische Kompetenz von Lehrkräften: Modelle, Erfassung und Förderung. Empirische Pädagogik, 37(3), 259–277.
Kuckartz, U. (2016). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung (3. Aufl.). Beltz Juventa.
Starke, A., Röhm, A., Rademacher, K., Grengel, M., Saban-Dülger, N. S., & Stitzinger, U. (2024). Sprachentwicklungsstörungen im pädagogischen Alltag identifizieren: Einflussfaktoren auf diagnostische Entscheidungsprozesse. Empirische Sonderpädagogik, 16, 315–333.
Wilcox, G., Fernandez Conde, C., & Kowbel, A. (2021). Using evidence-based practice and data-based decision making in inclusive education. Canadian Journal of Educational Administration and Policy, 196, 90–103. https://doi.org/10.7202/1077012ar
Xiang, Y., Lambert, R., & Freeman-Green, S. M. (2023). Teachers’ beliefs about inclusive education and their decision-making in special education referral. International Journal of Inclusive Education. Advance online publication. https://doi.org/10.1080/13603116.2023.2193214

Katharina Hoge (ehemals Rademacher) ist Sonderpädagogin, M. Ed., und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bremen. Dort forscht sie zur Professionalisierung angehender Lehrkräfte im Bereich Sprachförderkompetenzen, zum Zusammenhang sprachlicher und sozial-emotionaler Kompetenzen bei Kindern sowie zu diagnostischen Kompetenzen pädagogischer Fachkräfte.

Anja Starke ist Professorin für Inklusive Pädagogik, Schwerpunkt Sprache an der Universität Bremen. Zu ihren Forschungsinteressen gehören u.a. Sprachbildung und -förderung in der inklusiven Schule, Zusammenhang sprachlicher und sozial-emotionaler Entwicklung, die Professionalisierung von pädagogischem Personal für inklusive Bildungskontexte sowie inklusionsorientierte diagnostische Prozesse.

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