20.02.2026 –, Raum 7 (GW2 B2890)
Vortrag 1) Justin Powell, Lena Schürmann, Boris Traue, Stefanie Soares (Universität Luxemburg): Internationale Perspektiven auf institutionelle und subjektive Realitäten von Arbeit und Behinderung
Die Studie PATH CH LUX Pathways into the labour market of young people with disabilities in Switzerland and Luxembourg, welche gemeinsam an den Universitäten Luxemburg und Fribourg durchgeführt wird (Projektleitung: Prof. Dr. Justin Powell und Prof. Dr. Andreas Hadjar), untersucht die Übergänge junger Menschen mit Behinderung aus einer ländervergleichenden Perspektive (Powell et al. 2024). Sie arbeitet heraus, wie die nationalen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitiken das Verhältnis und Verständnis von Arbeit und Behinderung jeweils bestimmen. In die Analyse Eingang finden, neben offiziellen Dokumenten und Statistiken, die Perspektiven unterschiedlicher Akteur*innen, die den Übergang begleiten, sowie die Perspektiven der Jugendlichen selbst. Dies ermöglicht es, aus qualitativer Perspektive die subjektiven wie institutionellen Realitäten von Arbeit und Behinderung ländervergleichend zu bestimmen.
Vortrag 2) Stephanie Czedik: Das Regulativ der Werkstattbedürftigkeit
Mit dem Regulativ der Werkstattbedürftigkeit setzt sich die abgeschlossene Studie von Stephanie Czedik (2026) auseinander. Auf Grundlage einer ethnographischen Untersuchung in Werkstätten für behinderte Menschen rekonstruiert sie deren ambivalente Ein- und Ausschließungspraktiken, sowohl in ihrer subjektivierenden Wirkung als auch in ihrer Funktion für die Beschäftigungsbedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes. Analysiert werden Subjektivierungsdynamiken auf drei Ebenen: der Arbeitsmarktstruktur, der Organisationskultur sowie der (Inter-)Subjektivität. Herausgearbeitet wird, wie Personen innerhalb einer Arbeitsgesellschaft zu werkstattbedürftigen Subjekten gemacht werden und unter welchen Bedingungen sie in dieser Position verbleiben. Die Studie verbindet theoretische Ansätze aus der Arbeitssoziologie, der Geschlechterforschung, der Ungleichheitsforschung und den Disability Studies und eröffnet damit eine interdisziplinäre Perspektive für die Inklusionsforschung. Die Ergebnisse der Studie werden im Hinblick auf ihre praktischen Implikationen zwischen der Systemlogik der Werkstätten und einer Außenperspektive verortet.
Vortrag 3 ) Nancy Reims, Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung : Gelingensbedingungen für erfolgreiche Erwerbsteilhabe von Menschen mit psychischen Erkrankungen in der beruflichen Rehabilitation
Einen Fokus auf die wechselseitigen Erwartungen an Leistungsfähigkeit, Teilhabe, Arbeit und Behinderung im Prozess der beruflichen Rehabilitation psychisch Erkrankter richtet die am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vorgenommene Untersuchung (vgl. Reims et al., 2024). Die Studie untersucht die Deutungen, Selbstverständnisse und Handlungsmuster von unterschiedlichen, in die Prozesse der beruflichen Rehabilitation involvierten Akteurinnen (MA von Leistungserbringern von Maßnahmen, Jobcentern und Arbeitsagenturen sowie Rehabilitandinnen). Durch die Triangulation der Perspektiven wird die Vielschichtigkeit der Gelingensbedingungen zur Realisierung von Erwerbsteilhabe für Menschen mit psychischen Erkrankungen sichtbar, aber auch, dass die Ansichten über Gelingengsaspekte der unterschiedlichen Akteure vielfach identisch sind. Bestehende (zeitliche) Vorgaben, Handlungslogiken und Handlungsanweisungen der unterschiedlichen professionellen Akteure führen teilweise zu Friktionen, welche die individuelle Arbeitsmarktintegration erschweren. Sie eröffnen Möglichkeiten für institutionelle Anpassungen.
Wie ist der inhaltliche Status Ihres Beitrags? –Präsentation empirischer Projektergebnisse (zum Tagungszeitpunkt vorr. im Abschluss befindliche Forschung)
Abstract Symposium –In der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK) verpflichten sich die Vertragsstaaten, Menschen mit Behinderung den Zugang zu Berufsausbildung, Arbeitsmarkt und Beschäftigung zu ermöglichen und so dazu beizutragen, dass diese selbstständig ihren Lebensunterhalt verdienen können (Art. 27) (United Nations, 2006). Die Teilnahme an Erwerbsarbeit bildet in kapitalistischen Gesellschaften den zentralen Modus der Sozialintegration (Castel, 2009). Sie vermittelt eine soziale Identität, sozialen Status und Zugehörigkeit. Zugleich unterliegt das Verständnis von Arbeit gesellschaftlichen Aushandlungen und reflektiert historischen, technischen oder ökonomischen Wandel. Dies betrifft, welche Tätigkeiten als wertvoll erachtet werden oder überhaupt als Arbeit gelten. Auch die Praxis der Arbeitsteilung selbst, d.h. die Zuteilung von Arbeit an einzelne Personen oder Gruppen und die dieser Zuweisung zugrunde liegenden Kategorisierungen und Bewertungsprozesse wandeln sich in Abhängigkeit von zeitlichen und wohlfahrtsstaatlichen Rahmungen (Bösl, 2010).
Berufliche Übergangssysteme lassen sich als gestaltende Vermittlungsinstanzen begreifen, die zwischen individuellen Lebenslagen, institutionellen Anforderungen und den Strukturen des Arbeitslebens verortet sind. Sie eröffnen Räume, in denen berufliche Teilhabe gesichert, wiederhergestellt oder ausgehandelt werden kann. Die berufliche Rehabilitation rückt dabei nicht nur als Fördermöglichkeit, sondern als sozialer Prozess in den Fokus, der Übergänge ins Arbeitsleben strukturiert.
Die drei Vorträge dieses Symposiums nehmen diese Übergänge aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick. Sie fragen danach, wie Übergänge für Menschen mit Behinderungen in Deutschland, der Schweiz und Luxemburg konkret gestaltet werden, welche institutionellen, professionellen und individuellen Akteure daran beteiligt sind und wie diese Übergänge von den Beteiligten gedeutet und mit Sinn versehen werden. Im Zentrum steht dabei die Analyse von Sinndeutungen, die Aufschluss darüber geben, wie Rehabilitation, Arbeit und Teilhabe verstanden, legitimiert und erlebt werden. Darüber hinaus werden Gelingensbedingungen für die Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit Behinderungen identifiziert. Dabei werden normative Vorstellungen von Arbeit, Beschäftigung und Entlohnungssystemen thematisiert und im internationalen Kontext gegenübergestellt.
In ihrer Zusammenschau machen die Beiträge deutlich, wie berufliche Übergangsysteme im Spannungsfeld von Arbeit und Behinderung als Schnittstelle zwischen individueller Biografie, institutionellen Logiken und gesellschaftlichen Vorstellungen von Arbeit wirken.
Das Symposium bündelt Forschungen aus 3 deutschsprachigen Ländern, Vorgesehen ist eine Einführung von 5 Min. sowie 3 Vorträge von je 15 Min. mit je 10 Min. Diskussion.
Literatur –Blanck, Jonna M., Brzinsky-Fay, Christian, & Powell, Justin J. W. (2024). Behinderte Übergänge? Bildung und Behinderung beim Übergang in den Arbeitsmarkt in europäischen Ländern. Zeitschrift für Inklusion, 19(4), 1-25. https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion online/article/view/80
Boger, Mai-Ahn (2019). Politiken der Inklusion. Die Theorie der trilemmatischen Inklusion zum Mitdenken. Muenster: edition assemblage.
Bösl, Elsbeth (2010). Politiken der Normalisierung. Bielefeld: transcript.
Castel, Robert (2009). Die Metamorphose der sozialen Frage. Konstanz: UVK-Verlag.
Czedik, Stephanie (2025). Das Regulativ der Werkstattbedürftigkeit. Organisation und Funktion der Werkstätten für behinderte Menschen. Wiesbaden: Springer VS Verlag.
Honneth, Axel (2023). Der arbeitende Souverän. Eine normative Theorie der Arbeit. Berlin: Suhrkamp Verlag.
Metzler, Christoph (2025). Inklusion auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Bestandsaufnahme und aktuelle Perspektiven. APuZ, 32-35/2025.
Powell, Justin, Hadjar, Andreas,Samuel, Robin, Traue, Boris, Zurbriggen, Carmen (2024). Comparing Pathways into the Labor Market of Young People with Disabilities in Switzerland and Luxembourg. SOZIALPOLITIK.CH, VOL. 2/2024 – FORUM 2.1I. https://doi.org/10.18753/2297-8224-5884
Reims, Nancy, Tophoven, Silke, Rauch, Angela (2024). Bedingungen für gelingende berufliche Reha-Verläufe von Menschen mit psychischen Erkrankungen aus der Perspektive verschiedener Akteure. Zeitschrift für Sozialreform ZSR 2024; 70(4), 379-403.
Soziologie sozialer Ungleichheit, Arbeits- und Geschlechterverhältnisse, Subjektivierungsforschung, Inklusion
Ich habe Soziologie und Anglistik an der Universität Erlangen-Nürnberg studiert und arbeite seit 2010 am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Dort forsche ich im Bereich berufliche Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Hierzu habe ich auch 2015 an der Universität zu Köln promoviert. Aktuell befasse ich mich u.a. mit den Zugängen zu Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, mit Erfolgsvorstellungen in der beruflichen Rehabilitation sowie mit der Feststellung von Rehabilitationsbedarf.
.Bildungssoziologe, Universität Luxemburg.