Eine Stimme geben und Zugänge schaffen: Projekte inklusionsorientierter Lehrkräftebildung (Raum 12 - Slot 3)
19.02.2026 , Raum 12 (GW2 B3770)


Abstract Symposium

Partizipative Lehrveranstaltungen gewinnen in der aktuellen Bildungsforschung und -praxis zunehmend an Bedeutung, insbesondere im Spannungsfeld zwischen Bildungsutopie und Systemkonformität, das der CfP erwähnt. Sie bieten Raum für integrative und inklusive Prozesse (Papke & Kron, 2024), die die Beteiligung aller Akteurinnen ermöglichen – durch partizipative Forschung, theaterpädagogische Projekte oder praxisnahe Lernumgebungen. Damit zielen sie darauf ab, den exklusiven Habitus der Universität (Alheit, 2014) und die dort stattfindenden machtvollen Praxen zu verändern und Räume zu eröffnen, innerhalb derer den Lernenden eine (Mit-)Gestaltung von Bildungsinhalten und -prozessen möglich sein soll. Dies wirft allerdings die Frage auf, ob und inwieweit dies möglich ist und wie eine aktivistische Haltung mit den Anforderungen der Wissenschaft in Einklang gebracht werden kann. In der Forschung fordern partizipative Ansätze dazu auf, ethische Fragen, Gütekriterien und strukturelle Bedingungen des Wissenschaftsbetriebs zu reflektieren und neu zu verhandeln. Inklusionsforschung steht hier vor der Herausforderung, auch Vereinnahmungsprozesse gegenüber marginalisierten Gruppen kritisch zu hinterfragen. Dies geschieht in dem Symposium unter Berücksichtigung von Spivaks berühmt gewordener Frage: „Can the Subaltern Speak?“, die darauf hinweist, dass hegemoniale Diskurse die Artikulation von Menschen nicht erlauben, die randständig positioniert sind. Mit dem Begriff der epistemischen Ungerechtigkeit (Fricker, 2023) lässt sich analysieren, dass in der komplexen Dynamik von Macht und Wissen beispielweise autistische Menschen mit Hochschulzugangsberechtigung häufig als wenig beeinträchtigt gelten. In der Folge werden die von ihnen berichteten Barrieren durch exkludierende Strukturen und ihre Forderungen zur Gestaltung inklusiver Bildungssysteme nicht ernst genommen (Beitrag 1). Ähnlich verhält es sich mit Schülerinnen, die in ihren Sorgen und Fragen bezüglich aktueller globaler Krisen diskriminiert werden. In Lehrveranstaltungen zu inklusiver BNE wird die Perspektive von Schüler*innen reputabel eingebunden, indem Analysen aus Photovioce-Projekten (Wang & Burris, 1997) bearbeitet sowie gemeinsame Erfahrungs- und Reflexionsräume geschaffen werden (Beitrag 2). In der Konzeption und Reflexion inklusionsorientierter Lehrveranstaltungen spielen häufig nur Differenzdimensionen eine Rolle. Dabei haben auch weitere Humandifferenzierungen (Hirschauer & Boll, 2017) Einfluss und werden in Bezug auf community und difference in einer Weise bearbeitet, die sich zum Teil auch von bisherigen Forschungen unterscheidet (Beitrag 3).
Die drei Projekte (jeder Beitrag umfasst ca. 15 Minuten) bilden Grundlage einer moderierten Diskussion, die ausloten soll, wie weit Bildungsutopien mit der Realität des Bildungssystems verknüpfbar sind und wie Handlungsoptionen erfahrbar gemacht werden können – ohne Machtstrukturen zu reproduzieren und Differenzdimensionen zu verkennen.

Abstracts zu den Kurzvorträgen

Abstract 1
Photovoice-Projekt zur Studiensituation autistischer Studierender (Bettina Lindmeier, Katrin Ehrenberg, Pauline Saletzki, Lily Posch, Ria Blumenstein)

In diesem Projekt, dessen Rahmenkonzeption durch eine autistische und zwei nicht-autistische Studierende erfolgte und an dem fünf autistische Studierende verschiedener Hochschulen als Ko-Forschende beteiligt waren, wurde die Methode Photovoice genutzt, um die Erfahrungen autistischer Studierender im Hochschulalltag darzustellen und Veränderungsimpulse zu erarbeiten. Photovoice als Methode ermöglicht es den Teilnehmenden, ihre subjektiven Erfahrungen kreativ auszudrücken und eröffnet einen Raum für Reflexion, Austausch und Empowerment (v. Unger, 2020). Dadurch werden individuell wahrgenommene Erfahrungen in ihrer gesellschaftlichen Dimension sichtbar und im Idealfall gelingt es, (kommunal-)politische Aufmerksamkeit zu generieren und Veränderungen anzustoßen. Die Ergebnisse zeigen die Perspektiven der autistischen Studierenden, die von ihnen erlebten Barrieren und ihre Lösungsansätze und Wünsche an die Hochschulen. Methodisch wird diskutiert, dass gerade der Gruppenansatz, der für die Photovoice-Methode an sich zentral ist, sich für diese Gruppe als nicht passend erwies, da eine neue Gruppensituation als zu anstrengend antizipiert wurde. Insofern leistet das vorgestellte Projekt auch einen Beitrag zur Reflexion der Frage, wie weit die Möglichkeit zu sprechen und mit den eigenen Erfahrungen wahr- und ernstgenommen zu werden, für autistische Studierende gegeben ist (Lindmeier et al., 2025).

Abstract 2
Schüler*innenperspektiven im Kontext inklusionsorientierter Lehrkräftebildung (Julia Möhlenkamp, Sandra Fischer, Bettina Lindmeier)

‚Klima(-wandel) geht alle an. Inklusive BNE‘ ist ein von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre gefördertes Lehr-Lern-Projekt, das die Schülerinnenperspektive als relevantes Moment in der Lehrkräftebildung (Holst et al., 2025; Oldenburg, 2025) fokussiert. Als ‚Projekt im Projekt‘ werden im Kontext inklusiver BNE Interessen und Vorwissen von Schülerinnen identifiziert sowie ihre Perspektive auf Mitgestaltungsmöglichkeiten im projektorientierten Unterricht sowie darüber hinaus untersucht. Dazu führen Studierende und Schülerinnen inklusionsorientierter Kooperationsschulen Photovoice-Projekte (Wang & Burris, 1997) durch. Die Ergebnisse werden in Lehrveranstaltungen zu inklusiver BNE eingebunden, in denen Fragen bezüglich geforderter transformativer Prozesse im Bildungssystem sowie damit verbundenen Spannungsfeldern nachgegangen wird (Singer-Brodowski & Kminek, 2023).
Der Beitrag diskutiert Ergebnisse der ersten Projektphase, indes betrachtet er sich zeigende Potenziale sowie Herausforderungen der Methode im Hinblick auf Kinder und Jugendliche – insbesondere Schüler
innen mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung – sowie Erfahrungen Studierender in geöffneten Lehrformaten, innerhalb derer eine kontinuierliche Theorie-Praxis-Verzahnung intendiert wird.

Abstract 3
Community und difference in interdisziplinärer und inklusiver Zusammenarbeit – Ergebnisse aus inklusionsorientierten Hochschulseminaren zur Theaterarbeit (Dorothee Meyer)

In dem aus Studienqualitätsmitteln der Leibniz School of Education geförderten Projekt „Biographisches Theater_inklusiv“ arbeiteten Studierende des gymnasialen Lehramts, Studierende der Sonderpädagogik und behinderte Menschen ohne Hochschulzugangsberechtigung zusammen. Neben dem theaterpädagogischen Schwerpunkt des Projekts (Hruschka et al., 2023) wurden Seminarsequenzen oder Gruppendiskussionen zur Seminarauswertung audiografiert und mit der Dokumentarischen Methode hinsichtlich der Herstellung und Bearbeitung von Gemeinsamkeit und Differenz interpretiert. Als theoretischer Rahmen dient dabei das Konzept des un/doing difference (Hirschauer & Boll, 2017) bzw. un/doing community (Meyer 2019).
Der Beitrag diskutiert Ergebnisse aus den Projektdurchgängen „Zeiten[W]ende“ und „Traumschiff“. Sichtbar werden die im CfP beschrieben Ambivalenzen, mit denen das Projekt einerseits als eine „besonders“ bezeichnete Erfahrung erlebt wird, die zu einem doing community führt. Andererseits lassen sich Differenzerleben bzw. -herstellung (doing difference) rekonstruieren, die sich allerdings in den Projektdurchgängen unterscheiden. Auch die Gleichzeitigkeit von community und difference zeigt sich im Material und wurde im Projekt im Rahmen des biografischen Theaters produktiv bearbeiten.

Wie ist der inhaltliche Status Ihres Beitrags?

Präsentation empirischer Projektergebnisse (zum Tagungszeitpunkt vorr. im Abschluss befindliche Forschung), Präsentation laufender Forschungsprojekte (Zwischenstand), Partizipative und kollaborative Forschungsformate

Literatur

Alheit, P. (2014). Die Exklusionsmacht des universitären Habitus. Exemplarische Studien zur „neuen deutschen Universität“. In N. Ricken et al. (Hrsg.), Die Idee der Universität – revisted (195-208). Wiesbaden: Springer VS.
Fricker, M. (2023). Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und die Ethik des Wissens. München: Verlag C.H. Beck.
Hirschauer, S. & Boll, T. (2017). Un/doing Differences. Zur Theorie und Empirie eines Forschungsprogramms. In S. Hirschauer (Hrsg.), Un/doing Difference (7-26). Weilerswist: Velbrück Verlag.
Holst, J., Brock, A. Schlieszus, A.-K. & Grund, J. (2025). BNE: mehr als ein “Add-on“. bildungSPEZIAL (1), 26-31.
Hruschka, O., Littmann, A. & Meyer, D. (2023). Herausforderungen und Potentiale inklusionsorientierter Theaterpraxis an Hochschulen. Zeitschrift für Inklusion (4).
Lindmeier, B., Granz, S., & Taulien, T. (2025). Mädchen und Frauen im Autismus-Spektrum. Gemeinsam leben: Zeitschrift für Inklusion, 33(3), 169-177.
Meyer, D. (2019). Gemeinsamkeit herstellen, Differenz bearbeiten. Eine rekonstruktive Studie zu Gruppenprozessen in inklusiven Kleingruppen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Oldenburg, M. (2025). Wem hören wir zu? Zur Frage nach den Perspektiven der Schüler*innen auf Inklusion – ethische Überlegungen einer inklusionsorientierten (Lehrer:innen)Bildung. In S. Bacher (Hrsg.), Bildungsethik (124-136). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Papke, B. & Kron, M. (2024). Helmut Reiser – Über die Themenzentrierte Interaktion zur Theorie Integrativer Prozesse. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Singer-Brodowski, M. & Kminek, H. (2023). Zu den Zielen von BNE und dem Stand der Implementierung im deutschen Schulsystem. Die Deutsche Schule, 115(2), 94-104.
v. Unger, H. (2014). Partizipative Forschung. Wiesbaden: Springer.
Wang, C. & Burris, M. A. (1997). Photovoice: concept, methodology, and use for participatory needs assessment. Health education & behavior the official publication of the Society for Public Health Ed., 24 (3), 369–387.

Schüler*innenperspektiven auf gemeinsames Lernen im (inklusiven) Unterricht
Bildung für nachhaltige Entwicklung & Inklusion
Partizipation im Kontext von Unterricht

Inklusive Bildung für nachhaltige Entwicklung
Schüler*innen-Partizipation

  • Differenzforschung: Gemeinsamkeit und Differenz in inklusiven Gruppen; Metakommunikation
  • Teilhabeforschung: Politische Bildung für Menschen im Kontext geistiger Behinderung. leichte und einfache Sprache. Partizipativen Forschung, Persönliche Zukunftsplanung
Diese(r) Vortragende hält außerdem:

seit 2003 Professorin für allgemeine Behindertenpädagogik und -soziologie an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover.

Diese(r) Vortragende hält außerdem: