19.02.2026 –, Raum 8 (GW2 B2900)
In den letzten Jahren drängt sich der Eindruck auf, dass Inklusionsforschung den Mainstream erziehungswissenschaftlicher Forschungsansätze widerspiegelt und ihr inhaltlicher Schwerpunkt für deren Auswahl eine geringe Rolle spielt. In diesem Symposium versuchen wir auszuloten, wie das inhaltliche Anliegen von Inklusion mit Forschungsansätzen zu ihr in Übereinstimmung gebracht werden kann. Wenn Inklusion u.a. auf Dialog, Aushandlung, kontinuierliche Kooperation, Macht- und Diversitätssensibilität und Anerkennung von (intersektionaler) Komplexität setzt, erscheinen die Forschungszugänge naheliegender, in denen diese Prinzipien ebenfalls bedeutsam sind. Dagegen erscheint es aus unserer Perspektive eher problematisch, wenn statt dieser Grundsätze vor allem hierarchische Verhältnisse zwischen Forschenden und Beforschten, (zudem mitunter monomethodische) punktuelle Datenerhebungen ohne Feedbackschleifen vorzufinden sind, die den Status-Quo erheben, jedoch keine Veränderungsperspektiven, z.B. aus der Sicht beteiligter Akteure aufzeigen und zudem gesellschaftliche und politische Kontexte ausblenden.
Im Symposium diskutieren wir drei Forschungsperspektiven, mit denen wir jeweils Forschungserfahrung haben. Jo Jerg (2018, 2024) verfügt über langjährige Erfahrungen mit Praxisforschung, Ruth Jörgensdóttir Rauterberg (Jörgensdóttir Rauterberg & Guðjónsdóttir 2024) betreibt in Island seit Jahren partizipatorische Aktionsforschung und Ines Boban & Andreas Hinz haben in den letzten Jahren Erfahrungen mit dem Zugang gesammelt, die im Dialog mit den Beteiligten entstandenen Erzählungen theoretisch und zeitgeschichtlich einzuordnen (Netti, Boban & Hinz 2022; Willkomm, Boban & Hinz 2024).
Alle drei Forschungszugänge weisen grundlegende Gemeinsamkeiten auf (Boban & Hinz 2023):
• Die Priorität liegt bei den Prozessen einer gemeinsam vorangetriebenen Entwicklung im Sinne eines gleichwürdigen, multiperspektiven Austauschs, nicht bei Zahlen und/oder verbalen Daten und deren Interpretation in der Hochschule.
• Begleitung und gemeinsame Beratung sind zentrale Aspekte der Forschung, es geht nicht um externe Evaluation; dies beinhaltet auch die Anerkennung sprachlicher Heterogenität im Dialog zwischen Wissenschaft und Aktivismus.
• Veränderungspotenziale haben eine weitaus größere Priorität als die deskriptive Konservierung des Status-Quo mit der häufigen Folge, dass aus der Feststellung einer Situation implizit ihre Notwendigkeit abgeleitet wird.
Zusammengefasst ließen sich diese Forschungsansätze auch in Analogie zum Konzept der Menschenrechtsbildung formulieren. Die damit entstehende „Trias inklusiver Forschung“ (ebd., 131) enthält Forschung über Inklusion (Inhalt), Forschung durch Inklusion (methodische Prinzipien) und Forschung für Inklusion (parteiliches Interesse). Besonders erscheint uns bedeutsam, welches Machtverständnis zugrunde gelegt und welche Machtverhältnisse im Rahmen der Inklusionsforschung hergestellt werden (Moreno-Romero et al. 2025).
Jo Jerg
Inklusionsorientierte Praxisforschung im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis – Forschen und Handeln auf dem Weg zu einer Kita für alle!
Die wiss. Begleitung des Modellprojekts „Eine Kita für alle – Inklusive Bildung, Betreuung und Förderung von Kindern in den Kindertageseinrichtungen des Landkreises Göppingen“ hatte den Auftrag, das Projekt mit zu entwickeln, zu beraten, zu begleiten und zu evaluieren (Jerg 2018) und nach sechs Jahren eine Nacherhebung durchzuführen (Jerg 2024). Ziel des Projekts war, die individuelle Einzelfallhilfe der Eingliederungs-/Jugendhilfe in vier Kitas durch eine Strukturhilfe (50% Stelle Heil-/Sozialpäd.) in einen Kita-Alltag ohne Behinderungsetikette zu überführen und die Versäulung der Eingliederungs-/Jugendhilfe durch einen gemeinsamen Inklusionsfachdienst zu überwinden (Deger, Jerg & Puhr 2015).
Der Beitrag beleuchtet kritisch die Rolle und Funktion der wiss. Begleitung als im Prozess und in der Struktur Involvierte – Teil der Steuerungsgruppe, Akteurin in der Praxis und Leitung von Reflexions- und Evaluationsprozessen. Zudem wird die Bedeutung der Zusammenarbeit (Sennett 2012) mit Kita-Mitarbeiterinnen, des Landratsamts, der Eltern und Träger sowie politischer Entscheidungsträger*innen u.a. auf die Relevanz von Partizipation und gelingende Veränderungsprozesse thematisiert. Im Fokus stehen Potenziale, Herausforderungen, Widerstände und Grenzen der Praxisforschung (Moser 1995, Schimpf & Sterr 2012) bei der Etablierung intersektionaler Ansätze im Praxisfeld.
Ruth Jörgensdóttir Rauterberg
Partizipative Aktionsforschung als Antrieb inklusiver Schulentwicklung
Inklusive Bildung wird international als transformativer Prozess verstanden, der Barrieren abbaut und die volle Teilhabe aller Lernenden ermöglicht (Booth & Ainscow 2011). Um dies zu verwirklichen, braucht es Forschungszugänge, die nicht nur analysieren, sondern aktiv Veränderung bewirken. In der Inklusionsforschung fehlt es jedoch an partizipativer und kollaborativer Forschung, in der Kinder und Jugendliche inklusive Entwicklung mitgestalten (Messiou 2019).
Partizipative Aktionsforschung (PAR) versteht Forschung als Praxisveränderung (Kemmis et al. 2014). Sie stärkt Kinder und Fachkräfte als Akteur*innen des Wandels, fördert kollektives Handeln, Selbstreflexion und schafft Räume für „demokratische Irritation“ (Anderson 2017), indem sie Hierarchien herausfordert und Kinder als Forschende einbezieht (Shamrova & Cummings 2017). So wird Schulentwicklung zum emanzipatorischen Prozess (Sales et al., 2021).
Der Beitrag beleuchtet den Forschungsprozess zweier PAR-Projekte im isländischen Schul-und Freizeitumfeld. Durch Zyklen von Planung, Aktion und Reflexion wurden Räume der Zusammenarbeit gestaltet und Wege zur Partizipation gemeinsam weiterentwickelt (Jörgensdóttir Rauterberg & Hinz 2024). PAR ist also nicht nur ein Forschungszugang, sondern ein Instrument sozialer Transformation, das inklusive Entwicklung durch den Prozess selbst ermöglicht und nachhaltig verwirklicht.
Ines Boban & Andreas Hinz
Theoriegeleitete Kontextforschung – zwei Publikationen mit Aktivismus und Wissenschaft
Die Publikationen stehen für einen Forschungszugang, dem wir den Arbeitstitel ‚theoriegeleitete Kontextforschung‘ geben; wir stellen von den zentralen Akteurinnen – beide Töchter von Inklusionsaktivistinnen – oder von anderen Akteuren im Umfeld für sie verfasste Texte und deren Perspektiven auf ihre Situation in einen theoretischen und zeitgeschichtlichen Kontext. Er reduziert die Gesamtsicht nicht in ihrer Komplexität, sondern erkennt sie an.
In der ersten Publikation ist dies eine Herausforderung (Netti, Boban & Hinz 2022), es gilt, die Texte von Patricia Netti zu kommentieren und zu rahmen. Dafür ist der Dialog über alle Textteile zentral. Die theoretische Rahmung bezieht sich primär auf die Partnerschaftstheorie (Eisler & Fry 2019), ergänzt durch Lerntheorie (Holzkamp 1995) und demokratische Bildung (Hecht 2011).
Die zweite Publikation (Willkomm, Boban & Hinz 2024) hat eine kompliziertere Konstellation, da Emily Willkomm selbst nicht zu ihr beträgt und so das Stellvertreterinnen-Problem zum Tragen kommt. Dem wird entsprochen, indem 41 Personen aus je ihren Perspektiven an, für und über sie schreiben. Als zentraler theoretischer Bezugspunkt stellt sich das Ringen um Resonanz und die Auseinandersetzung mit Ignoranz heraus, insofern bildet die Resonanztheorie (Rosa 2017, Hinz & Jerg 2024) einen sinnvollen Rahmen.
Partizipative und kollaborative Forschungsformate
Literatur –Boban, I. & Hinz, A. (2023): Raum für machtsensible gemeinsame Entwicklung: dialogische, sprachheterogene und gleichwürdige Forschung. In: Hoffmann, M., Hoffmann, T., Pfahl, L., Rasell, M., Richter, H., Seebo, R., Sonntag, M. & Wagner, J. (Hrsg.): Raum. Macht. Inklusion. Inklusive Räume erforschen und entwickeln. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 125-132
Jerg, J. (2018). Eine Kita für alle – Inklusive Bildung, Betreuung und Förderung von Kindern in den Kindertageseinrichtungen des Landkreises Göppingen. Reutlingen: Diakonie-Verlag
Jerg, J. (2024): Eine Kita für alle – Inklusive Bildung, Betreuung und Förderung von Kindern in den Kindertageseinrichtungen des Landkreises Göppingen. Evaluation des Inklusionskonzepts. Ein Rück- und Ausblick nach 6 Jahren. Download: https://www.iquanet.de/
Jörgensdóttir Rauterberg, R.& Guðjónsdóttir, H. (2024). The Dream-school project: Creating democratic, inclusive and collaborative spaces for children and adults in a comprehensive school in Iceland. Netla-Online Journal on Pedagogy and Education. https://doi.org/10.24270/netla.2024/8
Moreno-Romero, C., Boban, I., Mohammadi, M., Li, S. & Dell’Anna, S. (2025): Participation of Children and Youth in Learning and Community Development. In: All Means All: A collective vision for inclusive teacher education. Open Textbook. URL: book.all-means-all.education/ama-2025-en/chapter/participation-of-students-in-school-and-community-development/ (02.07.2025)
Netti, P., Boban, I. & Hinz, A. (2022): „Ich mache mir einfach mehr Gedanken über die Gesellschaft als über mich.“ Leben, Lernen und Arbeiten zwischen inklusiven Ansprüchen und exklusiven Traditionen. Weinheim: Beltz Juventa
Willkomm, D., Boban, I. & Hinz, A. (Hrsg.) (2024): Klabauterin Emily Willkomm. Leben, Lernen und künstlerisches Tätigsein zwischen inklusiver Resonanz und exklusiver Ignoranz. Weinheim: Beltz Juventa
Seit 40 Jahren im Feld der Integrationspädagogik und später in der Inklusion tätig, liegt ein spezifisches Interesse im Zusammenhang von Inklusion und Demokratie und bei Anregungen des Inklusionsdiskurses durch dekoloniale Ansätze.
Ruth Jörgensdóttir Rauterberg, ruth@hi.is is an adjunct lecturer and PhD candidate at the School of Education, University of Iceland. Ruth´s academic background lies in social education (BA, MA) and she has over 20 years of experience as a social educator, mostly in the field of education and leisure. Her research and practice focus on children’s participation in developing inclusive and democratic practices in schools and leisure environments. For that purpose, she has been exploring the methodology of Participatory Action Research. She has collaborated with local schools and municipalities on developmental projects, particularly in her home town, Akranes
Jerg, Jo, Prof. (i.R.), Reutlingen, Wiss. Begleitung und Beratung von inklusiven Praxisentwicklungsprojekten (Frühkindliche Bildung, Wohnen, Arbeit, Sozialraum u.a.) Beratung von Organisationen, Kommunen und Politik zu inklusiven Entwicklungen.
Seit 40 Jahren im Feld der Integrationspädagogik und später in der Inklusion tätig, liegt ein spezifisches Interesse im Zusammenhang von Inklusion und Demokratie und bei Anregungen des Inklusionsdiskurses durch dekoloniale Ansätze.