Zwischen Befriedung und Befreiung – Überlegungen zur Rolle von (Inklusions-)Forscher*innen in einer exkludierenden Gesellschaft (Raum 11 - Slot 5)
20.02.2026 , Raum 11 (GW2 B3009)


Abstract Symposium

Vortragende: Stefan Schuster, Anne-Dore Stein, Karin Mannewitz
Wissenschaft, so Adorno (2015), habe die Aufgabe, die Härte dessen, was ist, ins Bewusstsein zu heben. Demgemäß beschreibt Haug (2009) in seinem Artikel "Zur Frage der Gestalt des engagierten Intellektuellen die progressiven Intellektuellen" als ›Unglücksboten‹, die die 'konsumistische Euphorie' in den eingerichteten Komfortzonen stören und all jenen ihre Stimme leihen, die am Katzentisch der Gesellschaft nicht (hinreichend) gehört werden. Im Sammelband zur 34. Inklusionsforscherinnen Tagung 2020 geht der Unglücksbote Georg Feuser hart mit der 'Inklusions-Community' ins Gericht und legt mit seiner Frage, was sich in Sachen Inklusion eigentlich für diejenigen getan hat, die nach wie vor von Exklusion betroffen sind, den Finger in die Wunde. "[I]n Relation zum verschriftlichten akademischen Inklusionsoutput", so Feuser (2021), sei die Bilanz »nicht nur erschreckend gering, sondern tief im Minus« (S. 29). Damit bleibt die Dringlichkeit des Kernproblems weiterhin bestehen, denn: "Während auf der Vorderbühne der Inklusionsbegriff in aller Munde ist, wird auf der Hinterbühne weiter ausgegrenzt" (Jantzen 2012, S. 42). Im 'intergernationalen' Symposium sollen diese eklatanten Widersprüche zwischen der inklusiven Ideenwelt einerseits und der exkludierenden (pädagogischen) Wirklichkeit andererseits noch einmal aufgegriffen und die fortdauernden Exklusion als zentrales Problem hervorgehoben werden. Dies vor dem Hintergrund der Frage, ob Inklusionsforscherinnen im 'Spannungsfeld zwischen Bildungsutopie und Systemkonformität' (IFO 2026) derzeit eher am Pol der Befriedung als am Pol der Befreiung stehen. Damit einhergehend ist die Grundfrage nach der konkret-historischen Rolle, die Inklusionsforscherinnen im Hinblick auf die (Nicht-)Realisierung von Inklusion spielen, aufgeworfen. Es stellt sich vorgelagert die Aufgabe, die (Ohn-)Macht von Inklusionsforscherinnen in einer exkludierenden Gesellschaft aus praxisphilosophischer Perspektive zu beleuchten, um eine Diskussionsgrundlage zu schaffen, die eigene Rolle realistisch einzuschätzen und erste Rückschlüsse zu ziehen.
Im Sinne der Überwindung von Gedankenlosigkeit (Arendt 1998) soll die privilegierte Rolle von (Inklusions-)Forscher*innen als Freiheit, eine Haltung in Verantwortung - als politischem Handeln in widersprüchlichen Macht- und Herrschaftsverhältnissen - zu übernehmen, Gegenstand der Diskussion über die drei Beiträge des Symposiums sein.

Abstracts zu den Kurzvorträgen

Vortragende: Karin Mannewitz
„Das Zeug habt ihr dann benutzt und dann darüber gequatscht?“
- Lehren und Forschen in der ‚systemkonformen Utopie‘
Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass man Forscher:in nicht einfach ist, sondern durch Forschung und die damit verbundenen Erwartungen wird (Bühler 2023). Zu hinterfragen ist daher, wie institutionelle Rahmenbedingungen und unausgesprochene Erwartungen Möglichkeiten der Wissensproduktion prägen. Im Fokus steht, wer in privilegierten Räumen (Puwar 2004) als wissenschaftlich tätig gilt und wessen Wissen anerkannt wird. Die UN-BRK fordert die volle und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Dennoch erscheint die Arbeit in einem Projekt zur inklusionsorientierten Hochschulentwicklung (www.tu-dresden.de/gsw/quabis) an der Universität als ein „Angebot ohne Ahnung“ (Helfritzsch 2025), da dessen politische Anforderungen und Bedeutung außerhalb Projekts aktuell eher als „simulierte Inklusion“ (Dederich 2012, 15) einzuordnen ist. Ein Lehr- und Forschungsteam, dass unter diesen Bedingungen arbeitet, untersucht dabei die eigene Rolle als Inklusions-Forscher:innen zwischen Systemkonformität und eigenem Handeln. Im Beitrag soll dieses Spannungsfeld sichtbar gemacht sowie unterschiedliche Perspektiven kritisch zu beleuchten und die Widersprüche zwischen Inklusionsforderungen und Exklusionsmechanismen produktiv zu bearbeitet werden.

Vortragender: Stefan Schuster
Arbeit am Widerspruch von Bildung und Herrschaft. Über die (de-)stabilisierende Funktion von (Inklusions-)Forscherinnen im Ringen um (Gegen-)Hegemonie
Entgegen der menschenrechtlichen Forderung nach Inklusion dominiert nach wie vor eine Kultur der Exklusion, die vom (stillschweigenden) Konsens zu ausgrenzenden Praxen getragen wird. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Situierung und der Rolle von (Inklusions-)Forscher
innen im Ringen um (Gegen-)Hegemonie. Einerseits können diejenigen, die die ›Funktion von Intellektuellen‹ (Gramsci 2012) in der Gesellschaft erfüllen, an der persistierenden Exklusion nicht unschuldig sein, da sie als ›beherrschte Herrschende‹ (Bourdieu 2022) in die Organisation ideeller Vergesellschaftung verstrickt sind. Andererseits sind Intellektuelle weit mehr als die bloße Exekutive übergreifender Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Ihre ›relative Eigenständigkeit‹ (Schuster 2024) eröffnet ihnen Handlungsspielräume, die (aus-)genutzt werden können, um Bildungsprozesse zu initiieren und die Konsensbildung zu sabotieren. Im Vortrag gilt es, die widersprüchliche Rolle von (Inklusion-)Forscher*innen in einer exkludierenden Gesellschaft unter Rückgriff auf das Hegemonie Konzept von Antonio Gramsci und die Ausführungen von Heinz-Joachim Heydorn zum Widerspruch von Bildung und Herrschaft in den Blick zu nehmen. Ziel ist es, zur Selbstverständigung der Disziplin beizutragen und Widersprüche als Hebel gegenhegemonialer Eingriffe sichtbar zu machen.

Vortragende: Anne-Dore Stein
Die Rolle von Inklusionsforscher*innen zwischen Denkstilen, reflexiver Haltung und politischem Selbstverständnis
Gibt es einen inneren Zusammenhang von Forschung, Haltung und politisch verstandenem Theorie-Praxis-Verhältnis in der Inklusionsforschung? Wäre Inklusionsforschung als Denkkollektiv im Sinne Ludwik Flecks zu bestimmen? Wie wäre dann die insofern „soziale Bedingtheit jedes Erkennens“ (Fleck 1980 (1935)) in (Inklusions-) Forschungsvorhaben umzusetzen, wenn es mit der ratifizierten UN-BRK bereits (menschen-)rechtlicher Auftrag ist, in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens eine diskriminierungsfreie, gleichberechtigte und damit uneingeschränkte Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen sicherzustellen?
Ist Inklusions-Forschung sich der Radikalität dieses Anliegens (noch) bewusst oder ist sie in der Pfadabhängigkeit von Theoriebildung (Kuhn) gefangen?
Diese Fragen sollen im Beitrag anhand der Denkstiltheorie von Fleck, der Philosophie der Haltung (Kurbacher), sowie der Notwendigkeit politischen Handelns mit Arendt, Gramsci und Negt bearbeitet werden – dies vor dem Hintergrund, dass Aktivismus in der Inklusionsforschung als politisches Handeln verstanden werden soll, insofern als die Erkenntnis über die Notwendigkeit politischen Handelns „beständige(n) öffentliche(n) Auseinandersetzung als kulturelle Leistung, die ständig mit Leben erfüllt wer-den muss“ (H. Arendt) beinhaltet.

Wie ist der inhaltliche Status Ihres Beitrags?

Präsentation theoretischer oder konzeptioneller Beiträge

Literatur

Literaturverzeichnis Auswahl:
Adorno, T. W. 2015: Soziologische Schriften I. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag Arendt, H. in: Ludz, U. Hg., 2015: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlaß, 5. Aufl. München Berlin Zürich Piper
Arendt, H. 1998: Vom Leben des Geistes. Bd.1: Das Denken, Hg. V. Mary Mc Carthy. München/Zürich
Bourdieu, P. 2022: Die Intellektuellen und die Macht. Hamburg: VSA
Bühler, I. 2023. Als Forschende in der Partizipativen Forschung. Rollenperformanz und Rollenkonflikt. Psychosozial-Verlag
Feuser, G. 2021: Die Bühne der Inklusion. Ein Prolog! oder: Grenzgänge zwischen Welten. In: Schimek, B.; et.al. (Hrsg.): Grenzen.Gänge.Zwischen.Welten. Kontroversen – Entwicklungen – Perspektiven der Inklusionsforschung. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt. S. 27-42
Helfritzsch, N. 2025. Solidarität. Oder die Darstellung eines Füreinander zur kollektiven Änderung struktureller Ungerechtigkeiten. IN: Schuppner, S. et.al. (Hrsg.) Sorge und Solidarität. Erziehungswissenschaftliche Verhältnisbestimmung zwischen Inklusion und Exklusion. Barbara Budrich. 33-42
Jantzen, W. 2012: Behindertenpädagogik in Zeiten der Heiligen Inklusion. In: Behindertenpädagogik, Jg. 51, H. 1. S. 35-53
Kuhn, T. 1976: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt/M. Suhrkamp Verlag
Kurbacher, F. 2021: Haltung und Urteilskraft – in grundlegender wie praktischer Perspektive. Oder: Haltung für Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit. In: Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit. Zeitschrift für Wissenschaft und Praxis: Haltung. H. 2/2021. Frankfurt: Wochenschau Verlag, 10-32
Negt, O. 2011: Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform. 2. Auflage. Göttingen: Steidl
Puwar, N. 2004. Space Invaders: Race, Gender and Bodies Out of Place. Berg Publisher
Schuster, S. 2024: Verkehrte Welt. Von der Praxis der Exklusion behinderter Menschen zum Grundriss einer Pädagogik der Entfremdung. Gießen: Psychosozial-Verlag

Siehe auch: Vollständiges Literaturverzeichnis (57,3 KB)

Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Inklusive Bildung, Fachliche Leitung im Projekt „QuaBIS“ an der Technischen Universität Dresden. Arbeitsschwerpunkte: Inklusionsorientierte Hochschulentwicklung, Partizipative Lehre und Forschung.

Stefan Schuster arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Inklusive Bildungsprozesse bei Menschen mit sog. geistiger und mehrfacher Behinderung der Universität Erfurt. Zudem ist er Lehrbeauftragter an der Evangelischen Hochschule Darmstadt und der Universität Koblenz. Er hat Integrative Heilpädagogik/Inclusive Education an der Evangelischen Hochschule studiert und an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen in der Arbeitsgruppe Allgemeine Pädagogik promoviert. Praxiserfahrung sammelte er als Fachlehrer, in der Stiftungsarbeit und in verschiedenen Einrichtungen der "Eingliederungshilfe". Er ist gelernter Tischler und Heilerziehungspfleger.