20.02.2026 –, Raum 13 (GW2 B3850)
Der Beitrag teilt vorläufige Ergebnisse aus einem derzeit laufenden Lehrforschungsprojekt, in dem (vorab geschulte) Studierende Bewohner:innen gemeinschaftlicher Wohnprojekte mit Behinderungen zu Einzugsmotivationen, nachbarschaftlichen Hilfen und mit Mitbewohner:innen verbrachter Freizeit befragen. Gemeinschaftliche Wohnprojekte mit der potentiellen Zielgruppe Menschen mit Behinderungen lassen sich auf einem Kontinuum ansiedeln, das von durch die Bewohner:innen selbst initiierte und -organisierte Wohnprojekte über Projekte im Bereich des ambulant betreuten/begleiteten Wohnens bis hin zu Wohnprojekten im stationären Sektor reicht.
Artikel 19 der UN-BRK fordert, dass Vertragsstaaten nicht nur geeignete Maßnahmen treffen, um Menschen mit Behinderungen eine unabhängige Lebensführung zu ermöglichen, sondern ebenfalls ein Leben in der Gemeinschaft. Zentral dabei ist, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt die Möglichkeit haben sollen, ihren Wohnort frei zu wählen und insbesondere nicht gezwungen werden dürfen, in besonderen Wohnformen zu leben. Hinweise darauf, dass die freie Entscheidung für das gemeinschaftliche Wohnen von Bewohner:innen mit Behinderungen nicht in allen gemeinschaftlichen Wohnprojekten gegeben ist, ergeben sich daraus, dass einige Bewohner:innen mit Behinderungen in gemeinschaftlichen Wohnprojekten als Einzugsmotivation zuvorderst eine Motivation zum selbstbestimmten Leben nennen und diese von einem fremdbestimmten Leben im Heim abgrenzen.
An gemeinschaftliche Wohnprojekte werden vor dem Hintergrund eines demographischen Wandels und erwarteten Engpässen in der Versorgung etwa betreuungsbedürftiger Menschen große sozialpolitische Hoffnungen gerichtet. Hier ergibt sich eine Diskrepanz zu empirischen Erkenntnissen, etwa über in gemeinschaftlichen Wohnprojekten tatsächlich geleistete nachbarschaftliche Hilfen (Fedrowitz 2010; Wechuli 2017). Silke van Dyk und Tine Haubner (2021) kritisieren aus soziologischer Perspektive darüber hinaus einen Rückbau des Sozialstaats über die Anrufung von Gemeinschaft, was informelle Sorgearbeit ausnutze, die auf Grundlage weit verbreiteter Sehnsüchte nach Gemeinschaft, direkten sozialen Beziehungen und Solidarität geleistet werde. Diese Entwicklung führe zu einer Deprofessionalisierung Sozialer Berufe wie einer „Überführung sozialer Rechte in soziale Gaben“ (ebd., S. 11), die sich beispielsweise auf das Wunsch- und Wahlrecht der Leistungsberechtigten (§8 SGB IX) negativ auswirken kann.
Presentation of ongoing research projects (interim status)
Literatur –Fedrowitz, Micha (2010): Gemeinschaft in der Stadt. Das Modell des Mehrgenerationenwohnens. RaumPlanung 149, S. 75-80
van Dyk, Silke & Haubner, Tine (2021). Community-Kapitalismus. Hamburg: Hamburger Edition.
Wechuli, Yvonne (2017). Neighborly Assistance: High Expectations of Multi-generation Cohousing Projects. In Working with older People 21(3), 133-139.
Theoretisierung von Gefühlen in den Disability Studies (Affect Studies, Emotionssoziologie), Postkoloniale, Dekoloniale und Indigene Studien in den Disability Studies, Intersektionalität, Inklusives Gesundheitswesen, Inklusive Hochschule, Partizipative Forschung, Gemeinschaftliches Wohnen für behinderte Menschen, sozial-ökologische Transformation