19.02.2026 –, Raum 9(GW2 B2335)
Präsentation empirischer Projektergebnisse (zum Tagungszeitpunkt vorr. im Abschluss befindliche Forschung)
Literatur –Fleck, L. (2015 [1935]. Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv (10. Aufl.). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Mayring, P. (2015): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 12. überarb. Aufl. Weinheim: Beltz.
Spitzmüller, J.; Warnke, I. (2011): Diskurslinguistik. Eine Einführung in Theorien und Methoden der transtextuellen Sprachanalyse. Berlin, Boston: De Gruyter.
Strübing, J. (2014): Grounded Theory. Zur sozialtheoretischen und epistemologischen Fundierung eines pragmatistischen Forschungsstils. 3., überarb. u. erw. Aufl. Wiesbaden: Springer VS.
Der Vortrag präsentiert zentrale Ergebnisse der Dissertation zur disziplinären Konstitution der sonderpädagogischen Fachrichtung Pädagogik bei geistiger Behinderung (PbgB). Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich eine Wissenschaft anhand eines Personenkreises konstituieren kann, den sie einerseits durch Bezeichnungen abgrenzt, andererseits aber als heterogen entlang von Differenzkategorien beschreibt.
Ausgehend von Ludwik Flecks denkstiltheoretischen Schriften (Fleck, 2015 [1935]) wird das Spannungsverhältnis mithilfe einer empirischen Lehrbuchanalyse untersucht. Lehrbücher gelten dabei als essentielle Orte, an denen geteilte wissenschaftliche Tatsachen expliziert und der Zugang zum Denkstil einer Disziplin vermittelt werden. Die Analyse von acht Lehrbüchern der PbgB aus den Jahren 1991 bis 2021 erfolgte durch die Kombination von Kodierstrategien der Grounded Theory (Strübing, 2014) und der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring, 2015), ergänzt durch eine diskurslinguistische Feinanalyse (Spitzmüller & Warnke, 2011).
Die Studie zeigt, dass der Bezug auf einen vorausgesetzten Personenkreis von „Menschen mit geistiger Behinderung“ den Status quo der PbgB bildet. Dieser Personenkreisbezug konstituiert maßgeblich das Selbstverständnis der Disziplin, ihre Erkenntnisbereiche und die Relevanz ihrer Bezugswissenschaften. Gleichzeitig offenbart die Analyse ein fundamentales Konstitutionsproblem: Obwohl die Lehrbücher die Heterogenität des Personenkreises explizit darstellen, wird diese Vielfalt nicht in die disziplinären Selbstbeschreibungen übernommen. Die PbgB gelingt es, eine Einheit zu postulieren, indem sie die Vereinheitlichung relativer Differenz und explizierter Heterogenität hinnimmt.
Dieses Ergebnis steht verdeutlicht die Systemkonformität der PbgB, die an einem vereinheitlichenden Personenkreis festhält und damit der Bildungsutopie einer inklusiven, diversitätssensiblen Wissenschaft nicht gerecht wird. Die aufgezeigten Befunde fordern eine kritische Reflexion der disziplinären Haltung gegenüber Heterogenität und stellen eine Grundlage für einen Aktivismus dar, der die wissenschaftliche Praxis der PbgB hinterfragt und weiterentwickelt.
Als wissenschaftlicher Mitarbeiter (Postdoc) am Institut für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover beschäftige ich mich mit grundlagentheoretischen Fragen der Pädagogik bei geistiger Behinderung. Meine Forschung untersucht die disziplinäre Konstitution dieses Fachbereichs und analysiert diskursive Konstruktionen von (geistiger) Behinderung.
Ein zentraler Fokus liegt auf Theorien der Inklusion und der Frage, wie Handlungskraft in sprachlichen Äußerungen konstituiert wird. Methodologisch arbeite ich an der Schnittstelle von erziehungswissenschaftlicher Diskursforschung und Sprachwissenschaft und trage zur kritischen Reflexion disziplinärer Wissensproduktion in der Sonderpädagogik bei.