18.02.2026 –, Raum 12 (GW2 B3770)
Präsentation laufender Forschungsprojekte (Zwischenstand)
Abstract Einzelbeitrag –Kinder, die sich eher zurückhaltend verhalten, werden im schulischen Alltag häufig nicht als aktive Mitgestalter:innen wahrgenommen. In manchen Fällen werden sie zwar als Vorbild für die lauten Schüler:innen benannt. Oftmals sehen sie sich jedoch dem Vorurteil ausgesetzt, dass Sprache und Fähigkeiten eng miteinander verknüpft wären. Da die aktive Teilnahme am Unterricht meist an Wortmeldungen und die Leistung in der Großgruppe gebunden ist, erschweren Defizitzuschreibungen die Teilhabe (Baulig, 2007; Bönsch, 2013; Stöckli, 2004; Sturm, 2023).
Lehrpersonen und Expert*innen im Bereich der Pädagogik, die Einblick in das Schulsystem haben, aber nicht klassenführend, sondern lehrend bzw. beratend tätig sind, wurden nach deren Erfahrungen mit stillen Kindern befragt. Neben dem Bereich der Introversion (Cain, 2013; Cheek et al., 2011; Jung, 1921; Martin et al., 2022), welcher der Extroversion gleichwertig gegenüberstehen sollte, ergaben die inhaltsanalytische Auswertung (Mayring, 2019) der Leitfadeninterviews (Loosen, 2016) auch Herausforderungen in den Bereichen der kognitiven, sensorischen, motorischen, sprachlichen und sozial-emotionalen Entwicklung. Diese werden durch gesellschaftliche und lebensweltliche Bedingungen und Haltungen, kulturelle und familiäre Einstellungen sowie (schul)systemische Rahmenbedingungen beeinflusst.
Entlang der Differenzlinien Gender, Fähigkeit, Beeinträchtigung, Begabung, Sprache, Kultur und Kognition wird sichtbar, wie normative Erwartungen Teilhabe begrenzen und spezifische Exklusionsrisiken erzeugen können. Aus intersektionaler Perspektive (Walgenbach, 2017) zeigt sich ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Heterogenitätsdimensionen.
Nach der Reflexion von Exklusionsrisiken und Barrieren, werden Strategien vorgestellt, die Partizipation ermöglichen sollen. Dazu braucht es neben spezifischem Wissen eine offene Haltung, die zu individuellen, entwicklungsgerechten Handlungspraktiken führt. Von der Anerkennung von Stille als Ressource und von Vielfalt als Chance sowie über Beziehungsarbeit sollen das Anbieten verschiedener Ausdrucks- und Präsentationsmöglichkeiten bzw. das Sicherstellen unterschiedlicher Teilhabemöglichkeiten an sozialen und akademischen Prozessen allen Schüler:innen – den stillen und den lauten - Raum bieten, individuelle Stärken zu entwickeln und am schulischen Geschehen teilzuhaben.
Baulig, V. (2007). Stille Kinder im Unterricht. Eine oft zu wenig wahrgenommene Herausforderung. Fördermagazin 6. S. 5-7.
Bönsch, M. (2018). Der lebendige Unterricht und die stillen Schüler. Grundschule, 6(10), S. 12-14.
Cain, S. (2013). Still. Die Kraft der Introvertierten (9. Aufl.). Wilhelm Goldmann.
Cheek, J. M., Smith, S. M., & Tropp, L. R. (2011). Four Meanings of Introversion: Social, Thinking, Anxious, and Inhibited Introversion. Conference Paper: Society for Personality and Social Psychology at San Antonio.
Jung, C. G. (1921). Psychologische Typen. Rascher. https://archive.org/details/Psychologische_Typen
Loosen, W. (2016). Das Leitfadeninterview – eine unterschätzte Methode. In S. Averbeck-Lietz & M. Meyen (Hrsg.), Handbuch nicht standardisierte Methoden in der Kommunikationswissenschaft (S. 139–155). Springer VS.
Martin, R.P., Lease, A. M. & Slobodskaya, H.R. (2022). Temperament und Kinder. Profile der individuellen Unterschiede. Springer.
Mayring, P. (2019). Qualitative Content Analysis: Demarcation, Varieties, Developments. Forum: Qualitative Social Research, 20(3).
Stöckli, G. (2004). Schüchternheit in der Schule. Korrelate beobachteter Schüchternheit und selbst berichteter sozialer Ängstlichkeit bei Kindern im Grundschulalter. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 51, S. 69-83. Ernst Reinhardt.
Sturm, T. (2023). Inklusion und Exklusion in Schule und Unterricht. Leistung – Differenz – Behinderung. Kohlhammer.
Walgenbach, K. (2017): Heterogenität, Intersektionalität, Diversity in der Erziehungswissenschaft (2. Auflage). UTB/ Budrich Verlag.
Hochschullehrende an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, zuvor Volks- und Sonderschul- sowie Ausbildungslehrerin; Arbeitsschwerpunkte: Diversität und Inklusive Pädagogik; Publikationen in den Bereichen Resilienz, Traumapädagogik, Autismus, Pädagogisch-praktische Studien und „stille“ Kinder; Forschungsprojekte "Fokus Praxis", "Resilienz - Was uns stark macht", "Autismus und Schule", "SKS Stille Kinder stärken"