19.02.2026 –, Raum 6 (GW2 B2880)
Das Paradigma der Neurodiversität hat sich zu einem zentralen, identitätsstiftenden Bezugspunkt autistischer Selbstvertretung entwickelt. Es beschreibt die Vielfalt neurologischer Seinsweisen und schließt explizit auch neurodivergente Personengruppen ein, die von der neurotypischen Norm abweichen (Kapp 2020). Unter Selbstvertretungsgruppen genießt der Begriff große Akzeptanz und wird von ihnen strategisch genutzt, um die gesellschaftliche Marginalisierung von Neurominoritäten zu kritisieren.
Aus der Perspektive einer teilhabeorientierten Pädagogik ist der Begriff allerdings aufgrund seiner Essenzialisierung von neurologischer Differenz problematisch (Tierbach 2021). Zwar wendet sich die Neurodiversitätsbewegung strikt gegen die Pathologisierung von Autismus. Jenseits davon überschneiden sich ihre Ansichten aber stark mit einem hegemonialen, klinischen Verständnis von Autismus (Kapp & Ne‘eman 2020). Die Neurodiversitätsbewegung teilt mit dem klinischen Verständnis eine Vorstellung von Autismus als natürliche, biologisch verursachte Differenz (Ortega 2009) und validiert diese aus Betroffenenperspektive. Da Inklusionsforschung und Neurodiversitätsbewegung ein gemeinsames, emanzipatorisches Interesse teilen, ergeben sich aus dieser Diskrepanz Fragen nach dem Verhältnis von Selbstvertretung, Aktivismus und einer solidarischen, aber essenzialismuskritischen Forschung.
Basierend auf den Ergebnissen einer Diskursanalyse von Schulratgebern zu Autismus zeigt dieser Beitrag, dass die Anerkennung von Neurodiversität in inklusionsorientierten Bildungskontexten zwar bestimmte Formen von Teilhabe ermöglicht, gleichzeitig aber auch ausgrenzende Strukturen legitimiert. Insbesondere die Essenzialisierung von kognitiven Prozessen und ‚autistischen Denkweisen‘ begünstigt innerhalb der bestehenden Machtstrukturen des Bildungssystems einen selektiven Determinismus, der zwischen biologisch determinierten autistischen und freien, eigenverantwortlichen nicht-autistischen Subjekten unterscheidet. Vor diesem Hintergrund lädt der Beitrag dazu ein, das Verhältnis von Forschung, Haltung und Aktivismus kritisch zu reflektieren und zu diskutieren: Darf inklusionsorientierte Forschung die politisch wirksamen Selbstverständnisse Betroffener kritisieren? Aus welcher Position heraus und innerhalb welcher Machtverhältnisse findet Essenzialismuskritik statt? Welchem Zweck dient sie, wenn sie von den Betroffenen selbst zurückgewiesen wird?
Wie ist der inhaltliche Status Ihres Beitrags? –Presentation of theoretical or conceptual contributions
Literatur –Kapp, S. K. (2020). Introduction. In: S. K. Kapp (Hrsg.), Autistic Community and the Neurodiversity Movement. Stories from the Frontline. Singapore, Palgrave Macmillan: 1-19.
Kapp, S. K. & Ne‘eman, A. (2020). Lobbying Autism‘s Diagnostic Revision in the DSM-5. In: S. K. Kapp (Hrsg.), Autistic Community and the Neurodiversity Movement. Stories from the Frontline. Singapore, Palgrave Macmillan: 167-194.
Ortega, F. (2009). The cerebral subject and the challenge of neurodiversity. BioSocieties 4, 425-445.
Tierbach, J. (2021). Der Umgang mit (Neuro-)Diversität im Kontext einer teilhabeorientierten Pädagogik. Menschen: Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten Arbeiten 44 (6), 49-55.