„Das Potenzial aller fördern“ - Zur Frage nach dem Verhältnis von Re- und Dekonstruktion in der Inklusionsforschung am empirischen Beispiel der Inklusionsrhetorik eines Schulentwicklungsprozesses
19.02.2026 , Raum 2 (GW2 B1410+1415)


Abstract Einzelbeitrag

Erziehungswissenschaftliche Inklusionsforschung, die mit rekonstruktiven Forschungsmethoden arbeitet, sieht sich einerseits mit dem Anspruch konfrontiert, den normativen Geltungscharakter des Sozialen, also das, was in der pädagogischen Praxis als ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ beurteilt wird, in der Analyse einzuklammern (vgl. Bohnsack 2014, S. 65). Andererseits will sie als engagierte Wissenschaft – im Sinne des Tagungscalls – selbst einen (macht-)kritischen Blick auf die Praxis eröffnen und damit normative Ordnungen im Derrida’schen Sinne (2021) dekonstruieren. Damit mögen wiederum neue bewertende Setzungen einhergehen. Während das Verhältnis von Re- und Dekonstruktion bspw. in den Gender Studies weitreichend diskutiert worden ist (vgl. Hirschauer 1993), zeigt es sich für die Inklusionsforschung als klärungsbedürftig, auch weil der Stellenwert von Normativität innerhalb der Inklusionsforschung uneindeutig scheint (hierzu Fritzsche et al. 2021). Das widersprüchliche Verhältnis von Re- und Dekonstruktion in der Inklusionsforschung perspektivieren wir in unserem Vortrag am empirischen Beispiel. Exemplarisch wird die auffällige Inklusionsrhetorik betrachtet, die in einem Schulentwicklungsprozess hervorgebracht wird. Dieser wurde im Kontext des Forschungsprojekts ‚Aushandlungen von Schulqualität‘ (ASQ) rekonstruktiv forschend begleitet. Als ein Ziel des Entwicklungsprozesses im Anspruch gesteigerter Schulqualität einigten sich die involvierten Akteurinnen einer schulischen Steuergruppe auf den Satz „Das Potenzial aller fördern“. In der Rekonstruktion audiographierter Gespräche der Steuergruppe, an denen auch Schülerinnen und Vertreter*innen der Bildungsadministration teilnahmen, treten unter Bezug auf die rekonstruktive Methode der Adressierungsanalyse (Kuhlmann et al. 2017) Fragen hervor wie: Was wird unter ‚Potenzial‘ verstanden? Wer ist ‚alle‘? Welche Ideen von Leistung, Entwicklung und Schule – und letztlich von schulischer Inklusion – werden dabei autorisiert? In unserem Vortrag werden zentrale Rekonstruktionsergebnisse dargestellt. Wir fragen dann, wo in den Rekonstruktionen ein dekonstruierendes Potenzial mit Blick auf normative Ordnungen liegt und um welche Normen es dabei überhaupt geht. Es soll letztlich allgemeiner gefragt werden, inwiefern es sich für eine engagierte, (macht-)kritische Inklusionsforschung lohnen könnte, weiterführend das Verhältnis von rekonstruktiver normativer Enthaltsamkeit und dekonstruktiver Normativität zu diskutieren.

Literatur

Bohnsack, R. (2014): Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. 9. Aufl. Opladen: Barbara Budrich.

Derrida, J. (2021): Grammatologie. 15. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Fritzsche, B.; Köpfer, A.; Wagner-Willi, M.; Böhmer, A.; Nitschmann, H.; Lietzmann, C. & Weitkämer, F. (Hrsg.) (2021): Inklusionsforschung zwischen Normativität und Empirie. Abgrenzungen und Brückenschläge. Opladen: Barbara Budrich.

Hirschauer, S. (1993): Dekonstruktion und Rekonstruktion: Plädoyer für die Erforschung des Bekannten. In: Feministische Studien. Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung, 11(2), 55-67.

Kuhlmann, N.; Ricken, N.; Rose, N. & Otzen, A. (2017): Heuristik für eine Adressierungsanalyse in subjektivationstheoretischer Perspektive. In: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik, 93(2), 234-235.

Wie ist der inhaltliche Status Ihres Beitrags?

Präsentation laufender Forschungsprojekte (Zwischenstand), Methodische Reflexionen

PostDoc am AB Schultheorie und Schulentwicklung der Uni Bremen.