"Der Frage der Parteilichkeit kann sich der Wissenschaftler nicht entziehen" (Jantzen, 1992,97) - Parteiliche Diagnostik als inklusives Handlungsprinzip (Raum 6 - Slot 3)
19.02.2026 , Raum 6 (GW2 B2880)


Abstracts zu den Kurzvorträgen

Brigitte Schumann
Inklusionsforschung, which side are you on?
Gegenstand des Beitrags ist die „evidenzbasierte und datengestützte Unterrichts- und Schulentwicklung", die bildungspolitisch zum Programm erhoben und seitens empirischer Bildungswissenschaft und privater Stiftungen angetrieben wird.
Dieses Programm wird eingeordnet in die fortschreitende Ökonomisierung von schulischer Bildung, die aus Sicht von Kritiker:innen (Winkler 2018, Höhne 2019, Engartner 2020) mit den Leistungsstudien PISA, IGLU und TIMSS von der Kultusministerkonferenz eingeleitet worden ist und ihren Ausdruck in der Übernahme betriebswirtschaftlicher, an Output, Standardisierung und Effizienzsteigerung orientierter Handlungslogiken findet.
Im Vortrag wird herausgestellt, dass die beabsichtigte evidenz- und datenbasierte Steuerung des Lernens und die geplante Einrichtung eines Bildungsverlaufsregisters mit einer Schüler:innen-ID den menschenrechtlichen Anforderungen an Bildung, die in dem Internationalen Pakt für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, der UN-Kinderrechtskonvention und der UN-Behindertenrechtskonvention normiert worden sind, zutiefst widersprechen. Mit der neuen Datenstrategie werden Selbstbestimmungsrechte von Lernenden und die professionelle Autonomie von Pädagog:innen dem Glauben an die objektive Evidenz digitaler Daten untergeordnet. Das humanistische und demokratische Verständnis von Bildung wird in Frage gestellt.

Dietlind Gloystein
Vom Wandel der Diagnostik: Mit wem sitzt sie mit welchem Ziel in was für einem Boot?
Der Beitrag fragt danach, ob und mit welchen Akteuren, Zielen und Konsequenzen sich an Inklusion orientierte Diagnostik aktuell auf einen gemeinsamen Weg begibt.
Eine nähere Betrachtung zeigt, dass im Kontext der Transformation zu einem inklusiven Bildungssystem der Begriff und Handlungsbereich der Diagnostik wesentlich verändert in den Blick geraten muss. Statt einer solchen konzeptionell an Inklusion, Diversität und Partizipation ausgerichteten Neubestimmung sind aber heute häufig Allianzen mit evidenzbasierter Steuerung, standardisierten Verfahren und datengetriebenen Kontrollmechanismen feststellbar (vgl. Müller & Pfrang, 2021; Schnitzhofer et al.2024). Diese Diagnostik verengt den Blick auf Vermessung und Selektion und wird so zur Legitimation für bildungspolitisch-technokratische Steuerungslogiken.
Diese Analyse lässt erkennen, dass die Gefahr besteht in einem Boot zu sitzen, das nicht in Richtung einer an Diversität orientierten Pädagogik steuert, sondern den Kurs stärker an Standardisierung, Effizienz und Dauerverwaltung ausrichtet. Dem wird eine konzeptionelle Neupositionierung gegenübergestellt.
Eine inklusive Pädagogik ist von ihrem Anspruch her auf eine diagnostische Praxis angewiesen, die im Sinne einer parteilichen, partizipativen und menschenrechtsbasierten Praxis Erkennen, Verstehen und Begleitung ermöglicht und somit aktiv zu einem inklusiven Bildungssystem beiträgt.

Abstract Symposium

Brigitte Schumann & Dietlind Gloystein
„Der Frage der Parteilichkeit kann sich der Wissenschaftler nicht entziehen (Jantzen, 1992, 97) – Parteiliche Diagnostik als inklusives Handlungsprinzip

Die beiden Beiträge setzen sich kritisch mit aktuellen Steuerungsmechanismen im Bildungssystem auseinander, die unter dem Label von Evidenzbasierung, Datenorientierung und Qualitätssicherung eingeführt werden. Der Beitrag 'Inklusionsforschung, which side are you on?' nimmt eine bildungspolitische Einordnung der evidenzbasierten Datensteuerung von Unterrichts- und Schulentwicklung in das KMK- Bildungsmonitoring vor, dass nach PISA 2000 zur Qualitätssicherung und Vergleichbarkeit entwickelt worden ist. Er beleuchtet den Einfluss empirischer Bildungsforschung /Sonderpädagogik und ThinkTanks auf die Perspektive eines datengesteuerten Bildungssystems, das mit dem bislang uneingelösten Versprechen von Qualität, Leistungsfähigkeit und Chancengleichheit verbunden wird.

Der Beitrag Vom Wandel der Diagnostik: Mit wem sitzt sie mit welchem Ziel in was für einem Boot? nimmt Bezug auf den– einhergehend mit der Integration digitaler Datenregister –stark wachsenden Bedarf an Bildungsverlaufsdaten, die individualdiagnostisch erhoben und fortlaufend sowie umfänglich der Bildungsforschung und -steuerung zugeführt werden. Geleitet von der Fragestellung, welchem Zweck die (diagnostische) Datenerhebung dienlich sein soll, wird ein Spannungsfeld zwischen den Kulturen und Praktiken einer vermessenden digitalen Verlaufsdiagnostik sowie einer an Inklusion, Diversität und Partizipation orientierten Diagnostik offenbar. Schon Wolfgang Jantzen setzte sich vor über 40 Jahren für eine „Diagnostik im Interesse der Betroffenen“ (1982) ein und verhalf dadurch der Parteilichkeit zu einem Stellenwert, der an dieser Stelle u.a. aus soziologischer, inklusionspädagogischer und anthropologischer Sicht beleuchtet, konzeptionell aufgegriffen und diskutiert werden soll.

Aus Sicht der Beitragenden ergibt sich ein fachlicher und politischer Positionierungsauftrag für die Inklusionsforschung.

Literatur

Gloystein, D. & Frohn, J. (2020). Der Baustein Adaptive diagnostische Kompetenz: ein Selbstversuch und inklusionssensible pädagogische Diagnostik als Impuls für Perspektivwechsel und professionelle Reflexion. In E. Brodesser, J. Frohn, N. Welskop, A.-C. Liebsch, V. Moser & D. Pech (Hrsg.), Inklusionsorientierte Lehr-Lern-Bausteine für die Hochschullehre. Ein Konzept zur Professionalisierung zukünftiger Lehrkräfte (S. 62–75). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Feuser, G. (2017). Inklusion – Das Mögliche, was in Wirklichkeit noch nicht sichtbar ist. In G. Feuser (Hrsg.), Inklusion – ein leeres Versprechen? (S.183 – 286). Gießen: Psycho Sozial Verlag.
Hartong, S. (2018): "Wir brauchen Daten, noch mehr Daten, bessere Daten!". Kritische Überlegungen zur aktuellen Expansionsdynamik des Bildungsmonitorings - In: Pädagogische Korrespondenz 58, S. 15-30 - URN: urn:nbn:de:0111-pedocs-211058 - DOI: 10.25656
Jantzen, W. (1982): Diagnostik im Interesse der Betroffenen oder Kontrolle von oben? In: Fachschaftsinitiative Sonderpädagogik (Hrsg.) Diagnostik im Interesse der Betroffenen, Würzburg.
Schräpler, J., Weishaupt, H.& Jeworutzki, S. (2024). Gutachten zur Erforderlichkeit von Schülerindividualdaten in NRW. ZEFIR Materialband 25. Bochum: ZEFIR Verlag
Schiefner-Rohs, M. et al. (Hg.) (2024). Datafizierung in der Bildung. Kritische Perspektiven auf digitale Vermessung in pädagogischen Kontexten. transcript Verlag.
Schnitzhofer, F., Pils, P. & Seper-Ambros, P. (2024). Der selbstfahrende Staat. Ein Denkmodell für das Zusammenleben im Staat der Zukunft. Wiesbaden: Springer.
Schürmann, V. (2010). Parteilichkeit. In Sandkühler, H.-J., Enzyklopädie Philosophie, Band 2, S. 1912-1916 Hamburg: Felix Meiner Verlag.
Schumann, B. (2025). Hunger auf Bildungsdaten. Verfügbar unter: https://bildungsklick.de/schule/detail/bildungsdaten-bildungsverlaufsregister-schueler-id

Wie ist der inhaltliche Status Ihres Beitrags?

Präsentation theoretischer oder konzeptioneller Beiträge

Perspektivwechsel Inklusion in Schule und Gesellschaft, Unterricht, Diagnostik