20.02.2026 –, Studierhaus
Die Geschichte des Paternalismus gegenüber behinderten Menschen ist offensichtlich älter als der Behinderungsbegriff selbst. Dennoch sind entsprechende Erfahrungen behinderter Menschen u.a. mit Diskriminierungen und wohlmeinender Fürsorge auch in heutiger Zeit vielfach ein Grund dafür, warum politische Selbstvertretung im Sinne des Slogans „Nothing about us, without us!“ mit entsprechender Vehemenz gefordert wird.
Neben Behindertenbewegungen sind es oftmals Behindertenverbände, die im Namen behinderter Menschen politische Forderungen und Problembeschreibungen definieren und mindestens indirekt Behinderungsdefinitionen generieren. Während für den Forschungsstand die Unterscheidung in Organisationen von bzw. für Menschen mit Behinderungen einschlägig ist (vgl. Barnes/Mercer 2010) und weitere Differenzierungsvorschläge zur Debatte stehen (vgl. u.a. Waldschmidt et al. 2015; Stoll 2017) ist eine systematische empirische Analyse der Landschaft der bundesdeutschen Behindertenverbände weiterhin ausstehend.
Basierend auf Ergebnissen eines laufenden Dissertationsprojektes werden mit Verweis auf Anspachs Konzept der identity politics (vgl. Anspach 1979; ergänzend Bernstein/Taylor 2022) öffentlich zugängliche Dokumente und Websites eines Samples von 10 Behindertenverbänden diskursanalytisch untersucht (vgl. Diaz-Bone 2005). In einem ersten Schritt zeigen sich sowohl divergierende Identitätspolitiken als auch komplexe (Nicht-)Positionierungen als Selbst- bzw. Stellvertretungen, die weder in einer Unterscheidung in Selbst- versus Stellvertretung aufgehen noch sich bspw. aus möglichen beeinträchtigungsspezifischen Unterschieden heraus erklären lassen. In einem zweiten Schritt wird das empirische Material zum Ausgangspunkt einer intersektionalen Analyse, um Grenzziehungen im Spiegelbild eines „Solidarischen Wir“ kritisch zu hinterfragen.
Zur Diskussion steht einerseits, welche Implikationen divergierende, diskursiv unterschiedlich wirkmächtige Konstruktionen für das Spannungsverhältnis zwischen Aktivismus und Forschung zeitigen könnten. Andererseits sollen die Einsichten zur intersektionalen Analyse für eine Auseinandersetzung genutzt werden, welche Rolle (Un-)Sichtbarkeiten, Allianzen/Abgrenzungen und vermeintliche universelle/partikulare Interessen für die Frage nach inklusiver Lehre und Forschung spielen könnten.
Literatur –Literatur:
Anspach, R. R. (1979). From stigma to identity politics: Political activism among the physically disabled and former mental patients. In: Social Science & Medicine. Part A: Medical Psychology & Medical Sociology, Volume 13, 1979, 765-773. https://doi.org/10.1016/0271-7123(79)90123-8.
Barnes, C./Mercer, G. (2010). Exploring Disability. Cambridge.
Boger, M.-A. (2019). Theorien der Inklusion. Die Theorie der trilemmatischen Inklusion zum Mitdenken. Münster.
Bernstein, M./Taylor, V. (2022). Identity Politics. In: Snow, David A./della Porta, D./McAdam, D./Klandermans, B. (Hg.). The Wiley-Blackwell Encyclopedia of Social and Political Movements. Chichester, Malden, 1-5.
https://doi.org/10.1002/9780470674871.wbespm104.pub2.
Budde, J./Hummrich, M. (2013). Reflexive Inklusion. In: Zeitschrift für Inklusion 8 (4), o. S. http://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/193/199.
Diaz-Bone, R. (2005). Zur Methodologisierung der Foucaultschen Diskursanalyse. In: Historical Social Research 31 (2006), 2, 243-274.
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-30047.
Stoll, J. (2017). Behinderte Anerkennung? Interessenorganisationen von Menschen mit Behinderungen in Westdeutschland seit 1945. Frankfurt a. M.
Waldschmidt, A./Karačić, A./Sturm, A./Dins, T. (2015): "Nothing About Us Without Us": Disability Rights Activism in European Countries – A Comparative Analysis. In: Moving the Social – Journal of Social History and the History of Social Movements, Heft 53, o. Jg., 103-137.
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Derzeit Lehrkraft im Arbeitsbereich Pädagogische Professionalität im Kontext (schulischer) Heterogenität und Inklusion der Universität Koblenz und Promotionsstudierender an der Universität Siegen