18.02.2026 –, Raum 9(GW2 B2335)
Inklusion braucht Leistungsorientierung. Denn inklusives Lernen, das nur auf Defizite ausgerichtet ist, erzeugt selbst spezifische Exklusionsrisiken, z. B. für (hoch-)begabte Schüler:innen. Gleichzeitig gibt es nichts Leistungsorientierteres als Inklusion. Denn was ist inklusiver als der Anspruch, die Potenziale aller Lernenden zur Entfaltung zu bringen und ihre individuelle Persönlichkeits- und Lernentwicklung zu unterstützen? Leistungsorientierung und die damit einhergehende individuelle Förderung von Potenzialen und Begabungen sollte nicht als Gegensatz zu Inklusion verstanden werden. Die Debatte um individuelle Förderung wird so auf Defizitorientierung verengt und Teilhabechancen werden vergeben. Stattdessen sollte Leistungsorientierung als eine Bedingung für gelingende soziale Partizipation betrachtet werden. Die Anerkennung individueller Leistungspotenziale kann Zugehörigkeit stiften, insofern Leistung nicht normierend verengt, sondern differenziert und relational verstanden wird. Dem Beitrag wird daher ein erweitertes Inklusionsverständnis zugrunde gelegt, das über sonderpädagogische Förderbedarfe hinaus auch (Hoch-)Begabung einschließt.
Vor diesem Hintergrund wird die theoretische Frage gestellt, wie eine begabungs- und potenzialorientierte, individuelle Förderung als anti-individualistische Personalisierung gefasst werden kann (Herbig 2017, 2020): als Ansatz, der individuelle Bedürfnisse und Potenziale berücksichtigt, sie jedoch nicht in Vereinzelung überführt, sondern konsequent an gemeinsamer Teilhabe ausgerichtet ist und ein adaptives Zusammenspiel von primär inklusiven und ergänzenden separierenden Lehr-Lern-Settings etabliert.
Einen möglichen schulpraktischen Weg zeigt das Konzept der Begabungs- und Begabtenförderung als Teilhabeprinzip an der Grundschule forum thomanum Leipzig auf. Im Beitrag werden die entwickelten Strukturen der Förderpraxis und die Choreografie aus primär inklusiven Förderansätzen und ergänzenden, nicht-stigmatisierenden und zeitlich begrenzten, separierenden Förderansätzen vorgestellt. Die schulorganisatorische Umsetzung wird durch das PINEO-Konzept (Herbig et al. 2020, 2024, 2025) und die dazugehörige Web-App getragen bzw. unterstützt. PINEO ermöglicht eine personalisierte, anti-individualistische Begleitung und Dokumentation der individuellen Lern- und Persönlichkeitsentwicklung. Die Umsetzung ist eingebettet in universitäre Lehre und wird aktuell wissenschaftlich begleitet sowie evaluiert.
Wie ist der inhaltliche Status Ihres Beitrags? –Presentation of practical projects or practical examples
Literatur –Herbig, C. (2017). Personalisierung von Lehr-Lern-Settings im gymnasialen Bildungsgang: Inklusive Bildung und Leistungsorientierung als zwei Seiten einer Medaille. In: A. Textor et al. (Hrsg.), Leistung inklusive? Inklusion in der Leistungsgesellschaft, Bd. 2, Unterricht Leistungsbewertung und Schulentwicklung (S. 77-87). Bad Heilbronn: Verlag Julius Klinkhardt.
Herbig, C. (2020). Individuelle Förderung durch Personalisierung: Zum bildungsgerechten Umgang mit Vielfalt am Gymnasium. In: C. Fischer et al. (Hrsg.), Begabungsförderung: Individuelle Förderung und Inklusive Bildung, Bd. 10: Begabungsförderung. Leistungsentwicklung. Bildungsgerechtigkeit. Für alle! Beiträge aus der Begabungsförderung (S. 85-95). Münster [u.a.]: Waxmann.
Herbig, C. et al. (2020). Teilprojekt 19 – Personalisierte Entwicklungspläne (PEP) als Instrument der individuellen Förderung. Nachhaltige Gestaltung von leistungsfördernden Lehr-Lern-Settings im gymnasialen Bildungsgang. In G. Weigand, C. Fischer, F. Käpnick, C. Perleth, F. Preckel, M. Vock & H.-W. Wollersheim (Hrsg.), Leistung macht Schule (S. 195–202). Beltz Verlag.
Herbig, C. et al. (2024). Personalisierte Entwicklungsplanung als prozessorientiertes Steuerungsinstrument für schulische Qualitätsentwicklung und -sicherung. In S. Rogl, C. Resch, E. Bögl, B. Gürtler, S. Hinterplattner & J. Klug (Hrsg.), Begabungsförderung: Individuelle Förderung und Inklusive Bildung, Bd. 17: Begabung verändert – förderliche Lernwelten erforschen, gestalten, implementieren (S. 248–261). Waxmann.
Herbig, C. et al. (2025). Begabungsförderndes Lehren und Lernen für alle – ja, aber wie? Mit dem PINEO-Konzept individuelle Persönlichkeits- und Lernentwicklung organisieren, dokumentieren und begleiten. Erziehung & Unterricht: österreichische pädagogische Zeitschrift. Jahrgang 175, Heft 7/8, 588–596. Österreichischer Bundesverlag Schulbuch. https://phsalzburg.at/wp-content/uploads/Erziehung-und-Unterricht-Sonderausgabe-07-08.2005.pdf
Christian Herbig arbeitet am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Leipzig.
Zuvor studierte er Lehramt an Gymnasien für die Fächer Englisch und Spanisch.
Zu seinen Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten gehören u.a. die Personalisierung des Lehrens und Lernens, Entwicklungsbegleitung, inklusive Begabungsförderung sowie Schulentwicklung.
In der universitären Lehre ist er tätig im bildungswissenschaftlichen Teil der Lehrer:innenbildung sowie im Masterstudiengang „Begabungsforschung und Kompetenzentwicklung“.
Alexandra Süß
M.A. Begabungsforschung und Kompetenzentwicklung (Erziehungswissenschaftliche Fakultät der Universität Leipzig);
B.A. außerschulische Kunstpädagogik (Fakultät für Geschichte, Kunst- und Regionalwissenschaften der Universität Leipzig)
Seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Universität Leipzig mit Fokus auf Studienberatung, -koordination und Lehrunterstützung im Masterstudiengang Begabungsforschung und Kompetenzentwicklung.
Forschungsschwerpunkte: Begabungsforschung, personalisierte Lern- und Entwicklungsbegleitung im Primarbereich