Mit der Brille der Disability Studies: Perspektiven sehbeeinträchtigter Expert*innen auf Alltagshandlungen (Raum 5 - Slot 3b)
19.02.2026 , Raum 5 (GW2 B1150)


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Presentation of empirical project results (research currently being finalised at the time of the conference)

Literatur

Cory, P. (2023). Mit Sehbeeinträchtigung im Alltag klarkommen: Förderung lebenspraktischer Fähigkeiten (2. Ausg.). Ernst Reinhardt Verlag.

von Unger, H. (2014). Partizipative Forschung: Einführung in die Forschungspraxis. Springer.

Waldschmidt, A. & Karim, S. (2022). Was sind Disability Studies? Profil, Stand und Vokabular eines neuen Forschungsfeldes. In A. Waldschmidt (Hrsg.), Handbuch Disability Studies (S. 1-15). Springer.

Wright, M. T., von Unger, H. & Block, M. (2010). Partizipation der Zielgruppe in der Gesundheitsförderung und Prävention. In M. T. Wright (Hrsg.), Partizipative Qualitätsentwicklung in der Gesundheitsförderung und Prävention (S. 35-52). Huber.

Abstract Einzelbeitrag

„Nichts ohne uns über uns“ – ein Leitsatz aus der Behindertenbewegung, der verdeutlicht, dass Stimmen marginalisierter Gruppen noch immer um Gehör kämpfen müssen. Gerade im Bereich der Förderung sehbeeinträchtigter Menschen wurde lange Zeit von nicht-behinderten Fachkräften definiert, welche lebenspraktischen Fähigkeiten (LPF) oder Fähigkeiten zur Orientierung und Mobilität (O&M) als relevant gelten. Doch welche alltagspraktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten sind aus Sicht sehbeeinträchtigter Personen tatsächlich relevant?

Ein Blick auf historische Entwicklungen verdeutlicht den Wechsel von einer defizitorientierten hin zu einer ressourcenorientierten Haltung (Cory, 2023, S. 37 ff.). Diese Entwicklungen verweisen zugleich auf implizite Normalitätsannahmen, die weitgehend von professionellen Außensichten bestimmt wurden. Vor diesem Hintergrund wird im Beitrag ein expliziter Anschluss an die Disability Studies hergestellt, der normalisierende Förderlogiken kritisch hinterfragt und eine Verschiebung der Expertise – von Fachkräften hin zu den Betroffenen selbst – einfordert (Waldschmidt & Karim, 2022, S. 4).

Hier werden subjektive Perspektiven sehbeeinträchtigter Personen in den Mittelpunkt gerückt, die in qualitativen Expert*innen-Interviews alltagsnah erfasst und ausgewertet wurden. Besonderes Augenmerk liegt darauf, Herausforderungen und Strategien der Zielgruppe ernst zu nehmen und in die Analyse einzubeziehen, um Implikationen für die Praxis abzuleiten. Im Zusammenhang partizipativer Forschung lassen sich diese Interviews als Vorstufe der Partizipation einordnen, die durch einen Peer-Ansatz weitergeführt werden kann (von Unger, 2014, S. 39 f.; Wright et al., 2010, S. 42 ff.).

Die Ergebnisse machen deutlich, wie wissenschaftliche Haltung und Perspektiven von Menschen mit Behinderungen produktiv zusammengeführt werden können. Alltagspraktische Fähigkeiten und Fertigkeiten werden demnach nicht primär als Intervention, sondern als situativ bedeutsame Handlungsmöglichkeiten aus Sicht der Betroffenen verstanden. Dieser Beitrag positioniert sich damit bewusst an der Schnittstelle zwischen etablierter Pädagogik bei Sehbeeinträchtigungen und den kritikorientierten Disability-Studies, die pädagogische Selbstverständlichkeiten infrage stellt.

Ines Matic absolvierte an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg das Bachelorstudium "B.A. Bildung im Sekundarbereich" mit den Fächern Deutsch und Politikwissenschaft sowie den Masterstudiengang "M. Ed. Lehramt Sonderpädagogik" mit der ersten sonderpädagogischen Fachrichtung Lernen bei Blindheit und Sehbehinderung sowie der zweiten sonderpädagogischen Fachrichtung Geistige Entwicklung. Seit April 2021 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Promovendin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg im Bereich Pädagogik bei Beeinträchtigungen des Sehens. Im Rahmen ihrer Forschung befasst sie sich mit alltagspraktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten sehbeeinträchtigter Personen im Autismus-Spektrum. Seit Mai 2024 ist sie als eine Ansprechperson für Antidiskriminierung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg tätig.