18.02.2026 –, Raum 10 (GW2 B3010)
Presentation of a project idea or research design (planned projects), Presentation of theoretical or conceptual contributions
Abstract Einzelbeitrag –Diagnostisch betrachtet gelten stereotype und repetitive Verhaltensweisen (kurz: RRBs) als ein zentrales Kriterium der sogenannten Autismus-Spektrum-Störung (vgl. DSM-5 und ICD-11) und werden darüber hinaus als defizitär angesehen. Pädagogisch bedeutete das lange Zeit, dass RRBs durch „geeignete“ Maßnahmen vermindert werden sollten. Diese Haltung findet sich teilweise noch heute in der wissenschaftlichen Literatur über Autismus (vgl. Martinez-Gonzales, Cervin & Piqueras, 2022).
Viele autistische Menschen betonen jedoch seit mittlerweile mehr als 30 Jahren, dass die sogenannten RRBs eine überaus wichtige Funktion erfüllen, insofern sie der emotionalen Regulation dienen und z.B. Kommunikation und Interaktion oft erst möglich machen (vgl. Vero, 2014). Um den pejorativen Begriff der RRBs zu vermeiden, wird diesbezüglich vermehrt von Stimming gesprochen (Bascom, 2012). Diese Aussagen sind eingebettet in einen Kampf um (wissenschaftliche) Anerkennung, da die Geschichte der Autismusforschung zeigt, dass den Stimmen autistischer Menschen lange kein Gehör geschenkt wurde (vgl. Milton, 2014). Spätestens mit dem Aufkommen der Neurodiversitätsbewegung (vgl. Singer 1998) und dem Aufkommen der self-advocacy-Bewegungen (Vgl. ASAN) hat sich dies zunehmend verändert. Über den wissenschaftlichen Status dieser Aussagen – sind es z. B. nützliche Illustrationen oder wissenschaftliche Aussagen – herrscht jedoch bis heute keine Einigkeit.
In unserem Beitrag wollen wir das Thema Stimming im Spannungsfeld zwischen Inklusion und Systemkonformität im schulischen Kontext diskutieren. Nach einer kurzen Einführung in den Bereich Autismus und Schule (vgl. Li et al., 2024; Aubé et al., 2021), die vor allem die Frage der Lernumgebung in den Vordergrund rückt, soll u.a. anhand von Beiträgen autistischer Menschen in das Thema Stimming eingeführt werden (vgl. Baggs, 2007; Kapp et al., 2019; Tancredi, S., & Abrahamson, D. 2024; Morris et al., 2025). Anschließend wollen wir zu Diskussion stellen, inwiefern neben der Lernumgebung auch die pädagogische Haltung – insbesondere in Bezug auf Stimming – ausschlaggebend ist: Wie verändert sich durch eine wissenschaftliche Anerkennung von "autistic expertise" (Vgl. Milton 2014) hinsichtlich Stimming die Sicht auf Schule und Inklusion bezüglich autistischer Kinder- und Jugendlicher?
Literatur –- Aubé, B., Follenfant, A., & Goudeau, S. (2021). Public stigma of autism spectrum disorder at school: Implicit attitudes matter. Journal of Autism and Developmental Disorders, 51(5), 1584–1597.
- Baggs, A. (2007). In my language. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=JnylM1hI2j
- Bascom, J. (Hrsg.). (2012). Loud hands: Autistic people, speaking. Autistic Self Advocacy Network.
- Kapp, T., Steward, R., Crane, L., Elliott, D., Elphick, C., Pellicano, E., & Russell, G. (2019). “People should be allowed to do what they like”: Autistic adults’ views and experiences of stimming. Autism, 23(7), 1782–1792.
- Li, B., Zhou, C., Lin, L., & Wong, V. C. N. (2024). School participation of autistic youths: The influence of youth, family, and school factors. Autism, 28(9), 2295–2310.
- Martínez-González, A. E., Cervin, M., & Piqueras, J. A. (2022). Relationships between emotion regulation, social communication, and repetitive behaviors in autism spectrum disorder. Journal of Autism and Developmental Disorders, 52(10), 4519–4527.
- Milton, D. (2014). Autistic expertise: A critical reflection on the production of knowledge in autism studies. Autism, 18(7), 794–802.
- Morris, I., Smith, J., Patel, R., & Brown, K. (2025). Beyond self-regulation: Autistic experiences and perceptions of stimming. Neurodiversity, 3(1), 1–13.
- Richter, M. (2023). Neurodiversität als pädagogische Grundhaltung. In C. Lindmeier, M. Grummt & M. Richter (Hrsg.), Neurodiversität und Autismus (S. 102-113). Kohlhammer.
- Singer, J. (1998). Odd People In: The Birth of Community Amongst People on the “Autistic Spectrum”: a personal exploration of a New Social Movement based on Neurological Diversity. Faculty of Humanities and Social Science, University of Technology, Sydney, 1998.
- Tancredi, S., & Abrahamson, D. (2024). Stimming as thinking: A critical reevaluation of self-stimulatory behavior as an epistemic resource for inclusive education. Educational Psychology Review, 36(1), 75–92.
Ich habe 2018 an der Ruhr-Universität Bochum zum Thema "Das Gefühl der Scham im Kontakt mit Menschen mit einer zugeschriebenen geistigen Behinderung promoviert" und arbeite seit 2017 bei Autismus Bremen e.V. als autismusspezifische Förderkraft sowie als Lehrbeauftragter an der Ruhr-Universität Bochum im Fachbereich Theorien der Erziehung und Erziehungswissenschaft
Meine Forschungsinteressen sind
- die Bildung der Gefühle
- Autismus und soziale Kognition
- Autismus und Stimming
- Autismus und Schule
Edna Emme schloss 2012 die Ausbildung zur Logopädin ab und arbeitet seitdem als Autismustherapeutin mit Vor- und Grundschulkindern. Berufsbegleitend absolvierte sie den Master of Science in Pschologie kindlicher Lern- und Entwicklungsauffälligkeiten. Aktuell ist sie Promovendin an der Universität Bremen. Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen des Erwerbs und der Verarbeitung von Sprache und Kommunikation im Kontext von Neurodiversität sowie den Gelingensbedingungen inklusiver Bildungsangebote